AS Betschdorf II – FC Saint-Etienne Seltz III 0:0

Frankreich, Championnat District 6 Alsace – Groupe 2 (14.Liga)
Sonntag, 14. April 2024, 10 Uhr
Betschdorf, Stade Charles Goetzmann

Es muss gehandelt werden, denn der Tribüne im Rastatter OSV-Stadion wird demnächst plattgemacht – und dort muss vorher noch dringend vorbeigeschaut werden. Sonntags hat man in der Ecke viele attraktive Kombinationsmöglichkeiten, gerade mit Blick über den Rhein ins Elsass. Dort lassen viele zweite und dritte Mannschaften ihre Spiele dann schon um 10 Uhr anpfeifen, was eine gute Möglichkeit ist, eine der vielen Elsässer Perlen mitzunehmen. Eine solche ist ganz klar das Stade Charles Goetzmann in Betschdorf (4.000 Einwohner). Schöne Anfahrt über den Schwarzwald mit Blick auf die Vogesen und dann durch die typischen Fachwerk-Dörfchen des Elsasses hindurch, wobei auch Betschdorf selbst aus vielen solchen Häusern besteht. In der 14.Liga spielt die zweite Mannschaft der AS Betschdorf, in der 10.Liga die erste. Dass hier so tief unten noch so ein Prachtstück von Stadion steht, zeigt wieder einmal, dass das Elsass bei bestimmten (wenigen) Dingen anders tickt als der Rest von Frankreich – denn hier ist Fußball noch wesentlich mehr Volkssportart, während man sich anderswo in der Grande Nation zwar für seine die 1 interessiert, es darunter aber oft mau wird. Der Zustand der Tribüne ist genau so wie es sich der Hopper wünscht: knarrender Holzboden, alte Lautsprecher am Dach, alles sehr in die Jahre gekommen. Auch der Rest des Geländes ist formidable – angefangen bei den rostigen und längst nicht mehr lesbaren Werbebanden bis hin zum gemütlichen Vereinsheim, in dem wie so oft im Elsass deutsches Bier ausgeschenkt wird, in dem Fall Hirsch aus Wurmlingen. Natürlich von einem Marokkaner, der selbst keinen Alkohol trinkt, während über ihm eine uralte Hirsch-Kneipenlampe aus vermutlich den 1980er-Jahren baumelt. Was für ein Schatz. Aber es sind genau diese Kontraste, für die ich Frankreich mit seinem kolonialen Anstrich so mag. Wobei ich klar sagen muss: An sich gefällt mir die koloniale Vergangenheit und erst recht der menschenverachtende Neokolonialismus von Frankreich überhaupt nicht. Andererseits sieht man rund um das Stadion aber auch viele „Elsass Autonomie“- und „Elsass frei“-Schmierereien von elsässischen Separatisten, woran man ebenfalls erkennt, dass das Elsass in manchen Punkten anders tickt als das restliche Frankreich. Wobei ich hier die Erfahrungen gemacht habe: Gerade ältere Menschen sprechen meist noch Elsässerdeutsch und unterhalten sich auf den Sportplätzen untereinander auch so, aber die Loslösung von Paris fordert allenfalls ein ganz kleiner Bruchteil. Die überragende Mehrheit will bei Frankreich bleiben, was man auch daran sieht, dass das Elsass eine Le-Pen-Hochburg ist. Man will allerdings die Sprache vor dem Aussterben retten, die von der jüngeren Generation und in den Städten kaum noch gesprochen wird. Seit 1991 gibt es daher im regionalen Ableger von France 3 jeden Tag ein einstündiges Fernsehprogramm auf Elsässerdeutsch (mit französischem Untertitel) unter dem Namen „Rund um“, was ich drüben im Schwarzwald dankenswerterweise noch empfangen kann (hier ein Beitrag zum 30. Geburtstag im Jahr 2021). Und auch war man gegen die 2016 vollzogene französische Regionalreform, bei der das Elsass mit Lothringen, der Champagne und den Ardennen zur neuen Region Grand-Est (großer Osten) zusammengefasst wurde. Aber eine richtige Autonomie oder gar den Wiederanschluss an Deutschland will niemand – abgesehen von ein paar ganz wenigen Spinnern.