HNK Rijeka – NK Osijek 2:1

Kroatien, 1.HNL (1.Liga)
Samstag, 16. September 2023, 17.30 Uhr
Rijeka, Stadion Rujevica

Das Stadion Kantrida in Rijeka hätte gute Chancen, die Wahl als schönstes Stadion Europas zu gewinnen. Ausschlaggebend dafür ist vor allem die Lage direkt am Meer. Charmant ist die 1912 eröffnete Bude aber auch, weil an ihr schon unglaublich der Zaun der Zeit nagt. Eine moderne, überdachte Arena an gleicher Stelle wäre bei einer solchen Wahl chancenlos. Genau eine solche Arena ist aber leider geplant. Bereits 2015 hat der HNK Rijeka daher das Stadion Kantrida verlassen und ist ins provisorisch errichtete Stadion Rujevica oben in der Stadt gezogen. Zwar hat man auch von dort – wie überall in Riejka – Meerblick, aber sonderlich schön ist das notdürftig zusammengeschusterte Ding nicht. Ich hatte daher auch nie vor, das Stadion Rujevica zu besuchen. Aus dem Übergangsstadion ist inzwischen aber so eine Art Dauerlösung geworden. Das Stadion Kantrida steht nach wie vor in unverändertem Zustand unten am Meer. Bereits 2015 sollte der Umbau beginnen, doch der Investor war abgesprungen. Nun sollen es die Chinesen richten, aber auch da tut sich nichts. Der HNK Rijeka wird also noch eine Weile im Stadion Rujevica spielen – und damit komme ich nicht um den Besuch herum. Der heutige Hrvatski Nogometni Klub ist eigentlich ein italienischer Verein. Im vorherigen Bericht hatte ich ja bereits erwähnt, dass die Stadt bis zum Zweiten Weltkrieg den italienischen Namen Fiume trug und von 1924 bis 1947 zu Italien gehörte. Noch heute gibt es eine italienische Minderheit in Rijeka, die etwa zwei Prozent der Bevölkerung ausmacht. Stammväter waren die beiden Vereine Olympia Fiume und Gloria Fiume, die sich 1926 zur Unione Sportiva Fiumana zusammenschlossen. Sie spielte 1941 sogar in der Serie C in Italien. Ihr Spielort war das Stadio Littorio – wie das Stadion Kandtrida früher noch hieß. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das kommunistische Jugoslawien gegründet, zu dem auch Fiume/Rijeka kam, und da waren italienische Vereinsnamen nicht mehr erlaubt, zumal Italien mit seiner bei ihm verbliebenen istrischen Hauptstadt Triest Anspruch auf den jugoslawischen Teil Istriens erhob. Die Situation war angespannt, da konnte man keine italienischen Vereine in Jugoslawien gebrauchen. Und so wurde 1945 aus der US Fiumana die Fiskulturno Društvo Kvarner (benannt nach der Kvarnerbucht, die in Rijeka beginnt). Der heutige Vereinsname HNK (Kroatischer Fußballclub) war damals natürlich auch nicht erlaubt, weil die Kommunisten von Beginn an mögliche Unabhängigkeitsbestrebungen der jugoslawischen Teilrepubliken im Keim ersticken wollten. Seit 1954 hieß der Verein NK Rijeka, zu Beginn des Kroatienkriegs (1991 bis 1995) kam im Zuge der Kroatisierung das H hinzu. Zu jugoslawischen Zeiten wurde der Verein 2x Pokalsieger (1978 und 1979), seit der Unabhängigkeit kam ein kroatischer Meistertitel (2017) hinzu. Weitaus weniger erfolgreich als man so denkt, denn der HNK Rijeka dürfte hinter Dinamo Zagreb und Hajduk Split die drittgrößte Fanszene Kroatiens haben. Mit dem Bus geht’s für mich hinauf zum Stadion Rujevica, das mich wie erwartet ziemlich kühl lässt. Keine Schönheit, aber überraschenderweise kein Stahlrohr. Da war man sich wohl schon beim Bau darüber im Klaren, dass man eben doch nicht nur drei, vier Jahre hier spielt. Aufgrund des Meerblicks finde ich die Hütte aber auch nicht vollkommen scheiße. Eine absolute Frechheit ist der Gästekäfig, der eigentlich ein Gästegefängnis ist und komplett vergittert ist – auch oben. In Kombination mit der herrlichen Kvarnerbucht, die direkt dahinter liegt, ein enorm kontrastreiches Bild. Zu Spielbeginn ist der Gästeblock noch leer, ehe ein paar Minuten nach Anpfiff die 1988 gegründete Koharta Osijek mit etwa 30 Mann einrückt. Immerhin eine Strecke von 440 Kilometern. Gespannt bin aber vor allem auf die Armada 1987 von Rijeka. Ihre Graffiti mit maritimen Symbolen machen für mich maßgeblich den Charme der Stadt Rijeka aus. Im alten Kantrida gefiel mir auch immer der Zaunfahnen-Stil der Armada ungemein, weil nur eine relativ kleine Hauptfahne hing und ansonsten lauter kleine Fahnen in Doppelhalter-Größe der einzelnen Aramda-Sektionen. Das machen auch andere Szenen in Europa so, aber meiner Meinung nach keine so konsequent wie die Armada. Leider macht sie das im Stadion Rujevica nicht mehr so. Akustisch gibt es aber nichts zu meckern, da rockt die Heimkurve ziemlich gut. Nach Spielende spüre ich leider wieder die Nachteile eines ehemaligen kommunistischen Landes, denn im Osten Europas werden die Gehwege früh hochgeklappt. Da bildet auch Rijeka keine Ausnahme, auch nicht im warmen September. Völlig unmöglich, nach dem Spiel noch ein geöffnetes Restaurant zu finden. Ich kann schon froh sein, dass der Supermarkt in Stadionnähe noch geöffnet hat, so dass ich mir ein paar Dosen Bier für den nächtlichen Stadtspaziergang einpacken kann. Rijeka wirkt zwar italienisch, aber ist es halt nicht. Dennoch: Absolut eine meiner Lieblingsstädte in Europa!