Italien, Eccellenza Sicilia – Girone A (5.Liga)
Sonntag, 24. September 2023, 15.30 Uhr
Caltanissetta, Stadio Marco Tomaselli
Caltanissetta! Es gibt sicherlich so manch einen Deutschen, der noch nie etwas von dieser Stadt (knapp 60.000 Einwohner) in der Mitte von Sizilien gehört hat. Dabei ist Caltanissetta sogar eine der neun Provinzen der größten Insel des Mittelmeers und hat demzufolge mit CL ein eigenes Autokennzeichen. Größte Stadt der Provinz (oder wie man speziell auf Sizilien sagt: Freies Gemeindekonsortium) ist Gela, das man ja auch vom Fußball her kennt, während der Name Caltanissetta überhaupt nicht im italienischen Fußball auftaucht. Das liegt allerdings auch hier am Hang zur Antike, denn der Verein wurde nach dem historischen Namen der Stadt benannt: Nissa. Bevor wir zum Fußball kommen, fangen wir aber erst einmal mit der mir bislang noch völlig unbekannten Stadt an. Caltanissetta besitzt glücklicherweise einen Bahnanschluss, was auf Sizilien nicht unbedingt Standard ist, allerdings wird der im Herzen der Stadt gelegene Hauptbahnhof (Caltanissetta Centrale) von Palermo aus nicht direkt angefahren. Stattdessen hat man einige Kilometer von der Stadt entfernt mitten ins Nichts einen modernen, völlig überdimensionierten Bahnhof (Caltanissetta Xirbi) gebaut – ausgestattet mit fünf Bahnsteigen, wobei die Frage ist, ob dort überhaupt fünf Züge am Tag halten. Der Gedanke kommt einem auf Sizilien automatisch, dass das eigentlich nur ein Geldwäsche-Projekt der Mafia sein kann. Vom Bahnhof Xirbi fahren immerhin ein paar wenige Pendelzüge zum alten Hauptbahnhof. Eigentlich auch nur logisch, denn was will man an diesem Bahnhof Xirbi, der weit weg liegt von allem? Der Hauptbahnhof empfängt einen mit einem wunderschön historischen Gebäude, in dem an der Decke die Wappen aller Provinzen Italiens abgebildet sind. Und alle, die es mal waren. So kann man dort unter anderem auch das Wappen von Zara (Zadar) im heutigen Kroatien sehen. Man stelle sich vor, am Hauptbahnhof von Duisburg wären die Wappen aller deutschen Landkreise abgebildet – auch die ostpreußischen. Dann also rein in die mir bislang vollkommen unbekannte Stadt, die typischerweise mit einer sehr sehenswerten Altstadt aufwartet. Mit total engen, aber natürlich nicht autofreien Gassen. Dazu ist heute irgendein Stadtfest, weshalb einige Leute auf den Beinen sind. Eben dieses Stadtfest scheint auch dafür verantwortlich zu sein, dass direkt neben dem weit außerhalb gelegenen Stadio Marco Tomaselli ein Volksfest stattfindet. Und zwar genau auf dem Parkplatz des Stadions. Der Verein bittet daher alle Zuschauer, nicht mit dem Auto zu kommen, und setzt einen kostenlosen Shuttlebus ein. Die Kommentare dazu auf Facebook sind einfach nur herrlich, denn natürlich geht der extrem autosüchtige Italiener bei so etwas sofort an die Decke. „Kommt der geschätzte Herr Bürgermeister dann auch mit dem Shuttlebus?“, lautet etwa eine der gehässigen Fragen. Für mich ist dieser Shuttlebus der absolute Jackpot, denn wie erwähnt ist der Busverkehr auf Sizilien außerhalb von Palermo, Catania und Messina eine Vollkatastrophe. Ich hätte also sonst mit dem Taxi von der Altstadt bis zum knapp fünf Kilometer entfernten Stadion fahren müssen, wenngleich ich den ganzen Tag über kein einziges Taxi in der Stadt gesehen habe. Der Shuttlebus ist wenig überraschend nur mäßig nachgefragt und es sitzen lediglich fünf Opas mit mir im Bus. Alle anderen kommen trotzdem mit dem Auto, werden rigoros von der Stadtpolizei abgewiesen, was für völliges Chaos sorgt. Das 1992 eröffnete Stadion ist auch wieder so ein Fall für sich und genau wie beim Bahnhof Xirbi kommt sofort der Gedanke auf, dass die völlig überdimensionierte Hütte ein Mafia-Projekt ist. Man hat hier ernsthaft eine zweigeschossige, massive Haupttribüne hingesetzt, obwohl der Verein in seiner Geschichte fast nur in der Serie D oder Eccellenza gespielt hat. Von 1950 bis 1952 war Nissa mal kurzfristig in der Serie C, ansonsten war aber die Viertklassigkeit das Höchste der Gefühle. Italientypisch erfolgte 2013 auch ein Konkurs samt Neustart in der Seconda Categoria (8.Liga). So richtig viel los ist heute nicht im Stadion, aber genug, um mich zu begeistern. Die rund 150 Heim-Ultras liefern optisch und akustisch ein richtig starkes Programm ab, das so richtig schön süditalienisch ist. Aus dem an der Südküste Siziliens gelegenen Sciacca sind knapp 40 Ultras mitgekommen, für die selbiges gilt. In Kombination mit dem schönen Wetter, diesem völlig absurden Stadion, dem vorzüglichen Getränkeangebot und irgendwie auch dieser eigentlich gänzlich unbekannten Provinzhauptstadt eines der Spiele in Italien, das in meinen persönlichen Charts ganz weit oben landet. Hier stimmt wirklich alles! Glücklicherweise funktioniert der kostenlose Shuttlebus auch nach Abpfiff, abermals mit kaum Leuten an Bord, so dass es sogar noch für einen weiteren Spaziergang durch Caltanissetta samt Proviant-Auffüllung reicht, ehe mich der Zug via Xirbi zurück nach Palermo bringt. Dort tauche ich wieder in die nächtlichen, wunderbaren Altstadt-Gassen ein und versumpfe schließlich wie üblich in einer Pizzeria.































































































