Italien, Serie B (2.Liga)
Freitag, 22. September 2023, 20.30 Uhr
Palermo, Stadio Renzo Barbera
Um 4 Uhr klingelt schon wieder der Wecker, denn ich muss den ersten Zug kriegen, der den Bahnhof von Crotone verlässt. Sizilien ruft! Kein Direktzug dieses Mal, der auf die Fähre gefahren wird, sondern ich muss als Fußgänger hinüber auf die größte Insel des Mittelmeers kommen. Also zunächst mit dem Zug zum kalabrischen Kombibahnhof Villa San Giovanni, von dem aus die bahneigenen Fähren nach Sizilien übersetzen. Etwa alle Stunde fährt eine solche Fähre, die nicht nur die Züge, sondern auch Fahrzeuge und Fußgänger auf die andere Seite der Straße von Messina bringt. Fahrpreis für Fußgänger: 2,50 Euro. In Messina sind es nur ein paar Schritte vom Fähranleger bis zum Hauptbahnhof, von wo aus es mit dem Zug immer entlang der malerischen Nordküste Siziliens in die Inselhauptstadt Palermo geht. Endlich mal das Stadio Renzo Barbera machen! Dort rollt der Ball allerdings erst am Abend, so dass ich noch ein paar Stunden Zeit habe für eine der beeindruckendste Städte Italiens. Nicht so speziell wie Venedig, nicht so historisch wie Rom oder Florenz, nicht so elegant wie Mailand – aber mit einem ganz eigenen Charme. Besonders die Altstadt mit ihren bröckelnden Fassaden und Balkonen, dem bunten Marktreiben und den geheimnisvollen palazzi tut es mir jedes Mal aufs Neue an. Palermo hängt da in meinen Augen auch ganz klar Neapel ab. Mit den Catacombe Cappuccini (Kapuziner-Katakomben) gibt’s für mich dieses Mal aber auch Neuland in Palermo. Die Gruft befindet sich unter dem relativ zentral gelegenen Kapuzinerkloster von Palermo (per Linienbus zu erreichen; Haltestelle: Cappuccini Quarto dei Mille). Erbaut wurde es 1534 und war damit das erste Kapuzinerkloster Siziliens. Die toten Mönche wurden in einer Gruft unter dem Gebäude bestattet und irgendwann fiel den Ordensbrüdern auf, dass die Leichen aufgrund der herrschenden Luftverhältnisse kaum verwest waren. Schlechte Luft für Lebende, aber gute Luft für Tote. Das sprach sich irgendwann in Palermo herum und so wollten auch die Oberschicht der Stadt in der Gruft bestattet werden. Die Kapuziner konnten sich dem nicht ewig verwehren, zumal auch einige Sponsoren des Klosters darunter waren, und so wurden ab 1670 auch Nicht-Geistliche nach ihrem Tod dort aufgenommen. Seit 1881 wird in der Gruft niemand mehr bestattet, allerdings befinden sich nach wie vor 2063 Mumien in den Catacombe Cappuccini. Diese ganz reale Geisterbahn steht Besuchern offen (natürlich gegen einen kleinen Obolus) und das ist schon wirklich eine ganz eigenartige Atmosphäre. Fotografieren ist verboten und wenn in der kameraüberwachten Gruft dennoch jemand sein Handy aus der Tasche zieht, kommt sofort eine harsche Durchsage über Lautsprecher. Am Abend geht es dann hinaus zum Stadio Renzo Barbera. Eigentlich fährt eine Buslinie vom Hauptbahnhof aus dorthin, nicht allerdings am Spieltag, wenn man sie gut gebrauchen könnte. Italienische Logik. Die Linie endet dann aber zumindest in der Nähe, so dass das sagenumwobene Stadion nach ein bisschen Fußmarsch erreicht ist. Der Spielort der WM 1990 besticht eigentlich mit einem tollen Bergpanorama, von dem jetzt bei einem Abendspiel aber leider nichts zu sehen ist. Das Schüssel selbst ist aber auch für sich alleine genommen ein absolutes Prachtstück. Und dann diese allgegenwärtige Farbe Rosa! Der Legende nach hatte Palermo eigentlich die Vereinsfarben Rot und Schwarz, aber weil die Trikots nach einem Waschgang ausgeblichen und somit rosa gewesen sein sollen und man kein Geld für neue Trikots hatte, änderte man einfach die Vereinsfarben in Rosa und Schwarz. Keine Ahnung, ob das wirklich stimmt – aber es ist die Geschichte, die so wunderbar zu Palermo passen würde. Die heimische Curva Nord ist heute richtig gut gefüllt, was ein richtig starkes Bild abgibt. Leider ist es hier ähnlich wie in Marseille, dass Oberrang und Unterrang jeweils ihr eigenes Ding machen. Das sieht man schon beim Einlaufen der Mannschaften, denn während es im Oberrang lichterloh brennt, zeigt der Unterrang eine rosa-schwarze Zettelchoreo. Auch gesanglich ziehen Oberrang und Unterrang nur selten am selben Strang und jeder macht sein Ding. Schade. Was hier mit einer geeinten Kurve möglich wäre! Der Gästeblock bleibt zunächst leer, denn wie ich erst am nächsten Tag so richtig mitbekommen werde, wüten derzeit heftige Waldbrände rund um Palermo, weshalb auf der Straße kaum ein Durchkommen in die Stadt möglich ist. Erst in der 80. Minute (!) tut sich etwas im Gästeblock – und daneben. Denn also die ersten Zaunfahnen vom anrückenden Cosenza-Mob aufgehängt werden, fliegt sofort ein brennendes Bengalo in den Gästeblock. Benvenuti a Palermo. Stark von den rund 150 Cosentini auf jeden Fall, für die paar Minuten noch anzuflaggen und zu supporten. Bitterschade eigentlich, ist doch Palermo vergleichsweise eine der näheren Auswärtsfahrten für die Kalabresen, die etwa nach Monza über 1.000 Kilometer fahren müssen. Solche Entfernungen kennen selbst wir in Deutschland nicht. Apropos Deutschland: Richtig gut wird’s auch nach dem Spiel, denn Stefan vom Fanzine Grober Schnitzer (für mich Top 3 in Deutschland, wenn nicht sogar Platz 1) ist heute ebenfalls im Stadion, allerdings im Gästeblock, da es gute Kontakte zwischen Cosenza und Werder Bremen gibt. Bis der gute Herr endlich raus aus dem Gästeblock ist, dauert es zwar ein bisschen, aber dann steht einem wunderbaren Restabend in einer nahegelegenen Tanzbar nichts mehr im Wege. Groß ist die Auswahl hier draußen am Stadion leider nicht, da dürfen wir nicht wählerisch sein, aber wichtig ist ja nur, dass es Veneziano gibt. Und während die Ü50-Fraktion ausgelassen das Tanzbein schwingt, sitzen Stefan und ich in der Ecke, schlürfen das ein oder andere Gläschen und labern über Gott und die Welt. In einer Tanzbar in Palermo. Ich liebe solche Momente!













































































