Italien, Serie A (1.Liga)
Samstag, 6. Januar 2024, 18 Uhr
Lecce, Stadio Via del Mare
Lecce. Sehnsuchtsort. Das Ende Italiens. In meinen wilden Interrail-Zeiten bin ich schon oft am Bahnhof von Lecce gewesen, weil man sich damals immer über Nacht einen möglichst langen Zuglauf rausgesucht hat, um ein paar Stunden am Stück während einer Zugfahrt pennen zu können, um sich so das Hotel zu sparen. Und da landet man zwangsläufig in Lecce – und steigt dann gleich wieder in den nächsten Zug nach Bozen ein. Ein Sehnsuchtsort ist Lecce für mich aber auch, weil es dorthin bis in die 1990er-Jahre einen Direktzug ab Stuttgart gab. Jeden Freitag um 14.42 Uhr fuhr dieser als D-Zug 389 am Stuttgarter Hauptbahnhof los und war 22 Stunden später in Lecce. Wie gerne hätte ich das noch miterlebt! Die Zeit ist aber vorbei und somit geht’s heute mit dem Flugzeug ab dem Airport Weeze (Premiere für mich) zunächst nach Bari und zumindest von dort dann mit dem Zug für 12,70 Euro nach Lecce. Der Bahnhof ist mir wie gesagt bestens bekannt, ansonsten habe ich von der 95.000-Einwohner-Stadt noch nichts gesehen. Schnell merke ich: Da habe ich etwas verpasst, denn die Altstadt von Lecce ist wirklich schön. Im Prinzip trifft das ja für jede Altstadt in Italien zu, aber hier kommen ein zentral gelegenes antikes Amphitheater und süd-süditaliensches Flair hinzu – denn hinter Lecce kommt in Apulien und auf dem Salento (die Halbinsel, die den sogenannten Absatz des italienischen Stiefels bildet) nicht mehr viel. Ein Glück, dass ich fast zwei volle Tage habe, um mir diese Stadt ganz genau anzuschauen. Höhepunkt ist natürlich das Samstagabend-Spiel in der Serie A im 1966 erbauten Stadio Via del Mare. Stadion an der Meeresstraße – schon allein der Name! Lecce liegt zwar gar nicht am Meer, allerdings führt die Ausfallstraße, an der das Stadion liegt, direkt in den nur neun Kilometer entfernten Küstenort San Cataldo. Einen Titel hat die US Lecce noch nie geholt, berüchtigt sind ihre Fans, die aus dem ganzen Salento kommen, aber dennoch. Besonders die alte, riesige „Ultrà Lecce“-Zaunfahne mit ihren mittelalterlichen Zaddeln (Stoffstreifen) ist absolut legendär, hängt aber schon lange nicht mehr. Heute hängt nur eine Mini-Version der Fahne (ohne Zaddeln) sowie die Fahnen „Senza Padroni“ („herrenlos“), „Diffidati presenti“ („Stadionverbotler anwesend“) und „Contro questo calcio“ („Gegen diese Art von Fußball“) am Oberrang der Curva Nord. Die füllt sich nur spärlich, allerdings setzt pünktlich zum Anpfiff monsunartiger Regen ein und die Kurve ist unüberdacht. Der harte Kern hinter der „Ultrà Lecce“-Fahne lässt sich davon aber nicht beeindrucken und zieht über 90 Minuten konsequent sein Programm durch. Haut nicht vom Hocker, aber doch besser als man es unter diesen Bedingungen erwartet. Dazu brennt fast immer irgendwo ein Bengalo in der Curva Nord. Ein absolute Überraschung ist der Blick in den Gästeblock, denn gut 100 Leute sind von der Insel Sardinien mitgekommen und stehen kompakt hinter einer kleinen Fahne der 1987 gegründeten Sconvolts. Die können sich sogar regelmäßig Gehör verschaffen. Ich muss ehrlich sagen: In der Serie A würde ich jederzeit wieder Lecce gegen Cagliari irgendeinem Gedöns mit Milan, Inter oder Juve vorziehen – selbst bei diesem Wetter.














































































