Koninklijke AA Gent – Yellow-Red KV Mechelen 1:2

Belgien, Pro League (1.Liga)
Freitag, 19. Januar 2024, 20.45 Uhr
Gent, Arteveldestadion

So langsam endet meine Zeit in Bielefeld – und damit wird für mich auch Belgien in weitere Ferne rücken, denn von Baden-Württemberg aus ist das „Tschechien des Westens“ deutlich schlechter zu erreichen. Bei dieser letzten Belgien-Tour wage ich mich dann auch mal über Brüssel hinaus und nehme mir mit Gent und Antwerpen den zweit- und den drittgrößten Ballungsraum des Landes vor. Ganz edel geht es dieses Mal per Europa-Spezial-Angebot mit dem ICE zunächst nach Köln und von dort mit dem ICE weiter nach Brüssel. Schon in Bielefeld bereitet mir der leichte Schnee auf den Schienen etwas Sorgen, doch hinter der belgischen Grenze wird es immer weißer und weißer. Und dann flattert auf meinem Handy die Hiobsbotschaft ein: Generalabsage aller Amateuerspiele in Belgien an diesem Wochenende. Uff! Da sitzte im Zug und fährst immer tiefer in ein Land hinein, in dem in den nächsten drei Tagen einfach mal überhaupt nichts geht. Aber auch hier gilt: Jedes Problem zu seiner Zeit, denn die 1.Liga spielt und somit findet auch das Spiel heute Abend in Gent statt. Dort liegt keine einzige Flocke Schnee auf dem Boden und da fragt man sich automatisch, ob diese landesweite Generalabsage nicht etwas zu voreilig war, zumal nicht nur hier in der Stadt, sondern entlang der Zugstrecke zwischen Brüssel und Gent praktisch kein Schnee lag. Das kann man jetzt aber nicht mehr ändern und somit geht es zunächst einmal hinein in die 270.000-Einwohner-Stadt Gent. Rund eine halbe Million Menschen leben in ihrem Ballungsraum, der damit der drittgrößte Belgiens hinter Brüssel und Antwerpen ist. Gent brachte es im Mittelalter durch seinen Tuchhandel zu viel Wohlstand, später durch das Flachs- und Leinengewerbe, so dass man einst eine der bedeutendsten Städte Europas war. Die Nähe zu Großbritannien trug zudem dazu bei, dass Gent einer der ersten Städte auf dem europäischen Festland war, die industrialisiert wurden. Die goldene Vergangenheit sieht man dem Stadtbild noch heute sehr deutlich an, schon beginnend am sehr prunkvollen Hauptbahnhof Sint-Pieters, auch wenn dieser gerade eine große Baustelle ist. In der Altstadt kommt man dann regelrecht ins Staunen, denn die ist schon ein ziemlicher Wahnsinn. Gent ist meiner Wahrnehmung nach in Deutschland gar nicht so bekannt, steckt aber meiner Meinung nach die anderen Hochkaräter in Belgien wie Brüssel, Brügge und Antwerpen in die Tasche. Richtig geil hier! Und dazu an jeder Ecke eine Friterie, die hier im flämischsprachigen Teil Frituur heißt. Einen besonderen Blick wert ist auch die Koninklijke AA Gent, genauer gesagt ihr Wappen, das einen Sioux-Häuptling zeigt. Dahinter steckt der US-Amerikaner William Frederick Cody alias Buffalo Bill, der von 1893 bis 1913 mit seiner Wild-West-Show quer durch Europa zog und so etwas wie der erste Show-Master der Welt war. Zeitweise leitete er einen Tross von 800 Darstellern und zog mit seinen Shows über 10.000 Zuschauer an. Überall wurde er gefeiert und es brach ein regelrechter Hype um ihn herum aus, der Spuren bis in die Gegenwart hinterlassen hat. 1891 trat Buffalo Bill beispielsweise in der Karlsruher Südstadt auf, weshalb die Einwohner dort bis heute „Südstadt-Indianer“ genannt werden. Natürlich machte die große Show auch in Gent Station, das ja damals eine der bedeutendsten Städte Europas war. Und auch dort hinterließ Buffalo Bill mächtig Eindruck. So sehr, dass der dortige Fußballverein mit der traditionsreichen Stammnummer 7 (also siebtältester Verein Belgiens) seither mit einem Sioux-Häuptling als Wappen aufläuft. Im 2013 eröffneten Arteveldestadion (inzwischen mit einem Sponsorennamen versehen) lassen sich noch weitere Spuren der Western-Show finden, u.a. gibt es hier eine „Buffalo Fan Zone“, und der Slogan des Vereins lautet „Maten, Makkers, Buffalos“ (Freunde, Kameraden, Buffalos). Trotz dieser irren Identität und der traditionsreichen Stammnummer ist bei der KAA Gent leider nicht viel los. Die erst 2014 gegründeten Ultras Ghent (Ghent ist die englische Schreibweise der Stadt) füllen ihren kleinen Mittelblock hinterm Tor nicht einmal zur Hälfte aus und fallen während des Spiels kaum auf. Ziemlich langweilig, was dort so geboten wird. Anders sieht es im Gästeblock aus, denn zu Gast ist Yellow-Red Mechelen und die besitzen einen recht guten Ruf, den sie heute bestätigen. Etwa 500 Leute sind mitgekommen, die die Stimmhoheit im Stadion haben. Trotz (oder gerade wegen) der eisigen Temperaturen ist die Hälfte der Ultras ab Mitte der zweiten Halbzeit oberkörperfrei unterwegs, während ich mir meine Wollmütze gar nicht tief genug ins Gesicht ziehen kann.