Royal Antwerp FC – Royal Charleroi SC 4:1

Belgien, Pro League (1.Liga)
Sonntag, 21. Januar 2024, 13.30 Uhr
Antwerpen, Bosuilstadion

Die Generalabsage im belgischen Amateurfußball an diesem Wochenende aufgrund des „Schnees“ tangiert mich heute glücklicherweise nicht, denn es steht ohnehin nur Profifußball auf der Speisekarte. Und was für einer! Zuerst geht es zum ältesten Verein Belgiens, danach sehe ich den RSC Anderlecht auswärts. Vorab ist jedoch Antwerpen an sich an der Reihe. Die schöne Altstadt schenke ich mir, denn in der war ich vor ein paar Jahren schon einmal, und konzentriere mich stattdessen auf das Diamantenviertel und das danebenliegende jüdische Viertel. Schließlich sind es diese zwei Dinge, für die Antwerpen weltweit bekannt ist: Juwelen und Juden. Antwerpen gilt bereits seit dem 16. Jahrhundert als Welthauptstadt der Diamanten und ist bis heute als wichtigstes Handelszentrum. Rund 80 Prozent aller Rohdiamanten und 50 Prozent aller geschliffenen Diamanten der Welt gehen über Antwerpen.Ganze vier Diamantenbörsen gibt es nach wie vor in der Stadt, allerdings findet das Schleifen inzwischen überwiegend im wesentlich billigeren Indien statt. 30 Schleifer gibt es nur noch in Antwerpen. Einst waren es 3000 – und die meisten davon Juden, deren Viertel sich nicht zufällig direkt neben dem Diamantenviertel befindet. Antwerpen hat den Beinamen „Jerusalem des Nordens“ und besitzt die drittgrößte jüdisch-orthodoxe Gemeinde der Welt hinter Jerusalem und New York. Heute sind etwa 18.000 der 540.000 Einwohner jüdisch, ein Drittel davon jüdisch-orthodox, also strenggläubig. Mein Spaziergang beginnt im Diamantenviertel, das unweit des Hauptbahnhofs beginnt und in dem auch mein Hotel liegt. Ein Juwelier neben dem anderen, wobei ein Blick auf die Öffnungszeiten lohnt, denn die meisten haben am Samstag (Shabbat) geschlossen. Dass man sich dahinter dann im jüdischen Viertel befindet, erkennt man nur an Details, von denen es aber recht viele gibt: Namensschilder an den Häusern auf Hebräisch, Werbung für Veranstaltungen auf Hebräisch, Hannukah-Leuchter in den Fenstern und am Straßenrand stehen Einsatzfahrzeuge der jüdischen Hatzoloh statt vom Roten Kreuz. Aktuell hängen hier auch viele Fotos von Vermissten nach dem Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023. Und natürlich begegnet einem auch oft ein traditionell gekleideter Jude. Alles sehr spannend und authentisch – nicht ein einziger Tourist begegnet mir. Überaus spannend geht es im Anschluss beim Fußball weiter, denn es wartet ein absolutes Brett: Royal Antwerp. Ältester Verein Belgiens, der die in Belgien so wichtige Stammnummer, die die Reihenfolge der Anmeldung beim Verband kennzeichnet, auch stolz mit der 1 im Wappen trägt. Glücklicherweise hat sich kurz vor dem Wochenende noch ein kleines Fenster mit Resttickets geöffnet, so dass ich froh sein kann, überhaupt dabei zu sein, denn bei Royal Antwerp kommt man in der Regel kaum an Karten. Und es ist absolut der richtige Zeitpunkt, denn noch steht die legendäre Tribune 2 des Bosuilstadions, die nun 101 Jahre alt ist, aber demnächst abgerissen wird. Über den Mythos rund um die Tribüne hat der österreichische Ballesterer einen wunderbaren Artikel geschrieben (hier nachzulesen), darum will ich darauf nicht ganz so detailliert eingehen. In aller Kürze: Das Bosuilstadion in seiner alten Form bezeichnete man als „Hölle von Deurne Noord“, benannt nach dem Stadtteil, in dem das Stadion steht. Viermal wurde Royal Antwerpen hier belgischer Meister (1929, 1931, 1944, 1957) und konnte vergangenes Jahr nach langer Durststrecke endlich seinen fünften Titel gewinnen. Die Tribune 2 war die Gegengerade und zugleich der Heimblock des alten Stadions, das zeitweise eine Zuschauerkapazität von 60.000 hatte. Zwar steht die Tribune 2 noch, ist aber gesperrt, so dass man nur aus der Ferne einen Blick auf die wunderschönen alten Holzbänke werfen kann. Laut dem Ballesterer-Artikel ist sie ein „Labyrinth von Galerien und Treppen im Inneren“, aber das bleibt meinem Auge leider verborgen. An den anderen drei Seiten ist der Umbau des Bosuilstadions bereits fertig. Ein sehr moderner Einheitsbrei und ein bisschen auch ohne Struktur, weil der Heimblock im Lauf der Jahre immer wieder umziehen musste, je nach Umbauphase. Einen wirklich kompakten Heimblock gibt es somit nicht, allerdings ist bei Royal Antwerp, das ja im Vereinsnamen den englischen Namen von Antwerpen verwendet, ohnehin durchweg britische Stimmung angesagt – unkoordiniert und sehr spielbezogen. Angedacht ist jedoch, nach dem Abriss und Neubau die Tribune 2 wieder zum eigentlichen Heimblock wird. Das Gegenteil vom Supportstil von Royal Antwerp findet sich heute im Gästeblock, denn die rund 100 Gäste aus Charleroi bieten allerfeinsten französischen Ultras-Singsang inklusive reichlich Gepöbel in Richtung Heimfans. Leider habe ich meinen Platz direkt neben dem Gästeblock und kann selbigen dadurch nur schlecht einsehen, aber hier muss man wie gesagt froh sein, überhaupt eine Karte zu bekommen. Gerade in dieser Saison, in der Royal Antwerp amtierender Meister ist. Und glücklich bin ich in erster Linie darüber, noch einmal die alte Tribune 2 gesehen zu haben.