DSC Arminia Bielefeld – SSV Ulm 0:2

Deutschland, 3.Liga (3.Liga)
Mittwoch, 24. Januar 2024, 19 Uhr
Bielefeld, Stadion Alm

Und mal wieder auf die Alm! Heute aber nicht nur, weil es ein Flutlichtspiel ist, sondern weil mich auch der Gastverein sehr interessiert, denn der kommt aus dem Ländle. Und gerade weil mich der Gästeblock heute so sehr interessiert, wage ich mal einen Perspektivwechsel auf der Alm und gehe zum ersten Mal auf die „neue“ Haupttribüne, die ja jetzt auch schon seit 2008 steht. Früher war das ja genau umgekehrt: Anstelle der heutigen Gegengerade befand sich einst die Haupttribüne mit langen Sitzbänken, auf der mein Vater in den 1980ern und 1990ern eine Dauerkarte hatte und mich oft dorthin mitnahm. Und da, wo heute die Haupttribüne steht, befand sich früher eine große überdachte Stehtribüne, an deren einem Ende der Heimblock und deren anderen Ende der Gästeblock war. Mit dem 1996 vollzogenen direkten Durchmarsch der Arminia von der Regional- in die Bundesliga wurden die alte Haupttribüne und die beiden Hintertortribünen abgerissen und binnen zwei Jahren aus einem Guss U-förmigen neugebaut, während die alte Gegengerade bis 2006 stehenblieb. In dieser Zwischenzeit zog auch der Heimblock hinters Tor um. 2008 wurde dann wie gesagt die alte Gegengerade zur neuen Haupttribüne, die sich baulich jedoch nicht dem restlichen U-förmigen Stadion anpasste, sondern gewissermaßen ein isoliertes Element blieb – mit einem eigenen Zuschauereingang. Der ist eigentlich total praktisch, weil er dem Siegfriedplatz am nächsten liegt. Auf dem ist auch heute vor dem Spiel recht wenig los, was halt an den noch zu kühlen Temperaturen liegt. Schon weit vor dem Anpfiff betrete ich mein ganz persönliches Neuland auf der Alm, das sich für mich allerdings so gar nicht nach Alm anfühlt. Die Haupttribüne ist irgendwie eine Welt von sich, abgekoppelt vom Rest des Stadions, womit ich nicht warm werde. In Bezug auf die Arminia und die Alm bin ich ja sowieso enorm konservativ, denn am liebsten wäre es mir, wenn alles zu bleiben würde wie es in den Achtzigern war. Und damit meine ich auch eine Arminia, die sich hauptsächlich in Bielefeld abspielt und nicht in ganz Ostwestfalen. Das ist ja auch der Hauptgrund dafür, warum ich mit diesem Verein so fremdel: Er ist kein Bielefelder Stadtverein mehr, sondern Arminia Ostwestfalen. Immerhin eine Kindheitserinnerung bekomme ich heute, denn auf der Alm wird die viereckige Pizza verkauft, die es bis in die Neunziger hinein in der Bielefelder Fußgängerzone gab und die für mich als Kind der Höhepunkt eines jeden langweiligen Einkaufstages mit meiner Mutter waren. Das war einst mein Zugang zur italienischen Küche. Und noch etwas ist gut an der Haupttribüne, nämlich die Nähe zum Gästeblock – und der interessiert mich in diesem Fall ja hauptsächlich. 1998 hatte ich in der 2.Bundesliga mein erstes Spiel der Stuttgarter Kickers gesehen und Gegner war damals der SSV Ulm. Drei weitere Spiele gegen die Spatzen gab es bis 2001 – mit stets sehr hitziger Atmosphäre. Aus Kickers-Sicht war das eine Zeit, in der man seit dem Bundesliga-Abstieg 1992 kein Derby mehr gegen den VfB hatte und gleichzeitig der SSV Reutlingen noch ein Verein ohne Fanszene war. Gleiches galt für den VfR Aalen und der 1.FC Heidenheim, der damals noch der Heidenheimer SB war, war sowieso ein völlig uninteressanter Dorfverein. VfB, Kickers, SSV Ulm – das waren damals die einzigen drei Vereine in Württemberg mit ernstzunehmender Fanszene. Und somit hatten Spiele zwischen den Kickers und dem SSV Ulm durchaus Derby-Charakter. Auf mich wirkt das bis heute nach. Jüngere Kickers-Fans haben sicherlich eine größere Antipathie gegen den SSV Reutlingen, weil sie den SSV Reutlingen nur als einen Verein mit Ultras kennen, aber ich habe die Reutlinger Kreuzeiche jahrelang als ein völlig belangloses Stadion ohne Fankultur kennengelernt und fühle wesentlich stärker zum SSV Ulm „hingezogen“. Bei aller Rivalität ziehe ich außerdem den Hut davor, was die Ulmer Fanszene in den vergangenen Jahrzehnten alles durchmachen musste und dass es sie trotzdem noch gibt. Von der Bundesliga in die Verbandsliga – und jetzt auf dem besten Weg zurück in die 2.Bundesliga. An einem Mittwoch im Januar von Ulm nach Bielefeld zu müssen ist schon bitter, dazu ist der SSV Ulm ein Verein, der nirgendwo Umlandfans hat, insofern ist die Zahl von rund 120 Gästefans durchaus in Ordnung. Fairerweise muss man dazusagen, dass der SSV Ulm eine langjährige Fanfreundschaft zu Rot-Weiß Oberhausen pflegt und heute auch eine entsprechende Fahne hängt, allerdings sieht es nicht so aus, als seien da wirkliche Massen aus Oberhausen auf die Alm gekommen. Hat Rot-Weiß Oberhausen überhaupt Massen? Der Ulmer Support gefällt mir auf jeden Fall, ein bisschen württembergische Heimat-Vibes in meiner alten, neuen Heimat Bielefeld, auch wenn ich mich selbst ein bisschen darüber erschrecke, den Erzrivalen plötzlich so positiv zu finden. Freundschaftsbesuch gibt es heute auch im Heimblock, denn anwesend ist eine Abordnung der Curva Sud von Savoia aus Torre Annunziata (Vorort von Neapel). Ich persönlich finde es ein bisschen befremdlich, dass die Freundschaften zwischen deutschen und italienischen Szenen wie Pilze aus dem Boden schießen, allerdings kann ich als großer Freund der italienischen Fankultur ja auch nichts dagegen haben, dass hier die Fahne einer italienischen Szene hängt. Oder anders gesagt: Das ist sowohl befremdlich als auch geil. Sportlich spitzt sich die Situation bei der Arminia mit dieser 0:2-Niederlage weiter zu, der dritte Abstieg in Folge rückt immer näher, was sich natürlich nicht positiv auf die Stimmung auswirkt. Mein ganz persönliches Fazit lautet: Haupttribüne auf der Alm muss nicht noch einmal sein.