HNK Gorica – NK Hajduk Split 2:1

Kroatien, 1.HNL (1.Liga)
Sonntag, 17. September 2023, 15 Uhr
Velika Gorica, Gradski Stadion

In ehemals kommunistischen Ländern Europas ist der ÖPNV traditionell wesentlich stärker ausgebaut als in kapitalistischen. Das lässt sich sogar innerhalb von Deutschland erkennen, denn während sich in Ostdeutschland Kleinstädte wie Gotha, Halberstadt, Nordhausen und Plauen bis heute eine Straßenbahn leisten, haben etwa in Baden-Württemberg die Großstädte Pforzheim und Reutlingen schon lange darauf verzichtet. Der Grund ist klar: Im Kapitalismus war es wesentlich üblicher, ein eigenes Auto zu haben, während im Kommunismus die Menschen viel mehr auf den ÖPNV angewiesen waren. Dieser Gleichung folgend müsste eigentlich auch der Zugverkehr in Kroatien top sein – aber er ist es nicht. Die Verbindungen ins Ausland sind fürchterlich und das gilt insbesondere für die früheren Inlandsstrecken in die anderen ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken, die vollkommen zurückgefahren wurden. Aber auch innerkroatisch sieht es düster aus. Selbst von Zagreb nach Split fährt nur ein einziger Zug pro Tag. Das sah vor 1991 alles ganz anders aus. Gestern musste ich daher mit dem von mir so ungeliebten Flixbus von Graz nach Rijeka fahren, aber heute lässt es sich Gott sei Dank realisieren, mit dem Zug von Rijeka nach Zagreb zu fahren. Den winzige, direkt am Meer gelegene Hauptbahnhof von Rijeka hatte ich gestern schon aufgesucht, um im Bahnhofsrestaurant Cevapcici zu essen – und da war mir schon der erschreckende Zustand aufgefallen. Nur eine total kleine, verdreckte Halle gibt es, die eigentlicher eher ein Flur ist. Ein paar vollgeschmierte Schließfächer, die längst nicht mehr funktionieren, ein provisorischer Ticketschalter, überall heraushängende Kabel. Der Zug nach Zagreb ist in einem ähnlich erbärmlichen Zustand. Nur mit Mühe finde ich in den völlig menschenleeren Abteilen einen Platz an einem Fenster, das nicht völlig verschmiert ist und aus dem man hinausschauen kann. Das ist wichtig, denn die Landschaft ist stark! Das gilt besonders für den Start, denn Rijeka liegt wie erwähnt in ziemlicher Steillage und so muss der Zug erst einmal ein paar Höhenmeter machen – mit herrlichem Blick aufs Meer. Auch in Zagreb habe ich Fahrplan-Glück. Es ist sogar noch ein kleiner Cevapcici-Stop drin, ehe es mit dem Zug weiter nach Velika Gorica geht. An dem Vorort führt für mich aus zwei Gründen kein Weg vorbei. Zum einen befindet sich dort der Flughafen von Zagreb, von dem aus ich morgen weiter nach Italien fliege. Und zum anderen gibt es mit dem HNK Gorica seit 2018 einen Erstligisten in Velika Gorica. Der empfängt heute Hajduk Split. Einziges Problem: Das Spiel ist ausverkauft und ich habe kein Ticket. Es wird sich hoffentlich eine Lösung finden. Velika Gorica (60.000 Einwohner) wirkt ziemlich verschlafen und ist ohne wirkliche Höhepunkte, aber durch den Flughafen mit vielen Übernachtungsmöglichkeiten ausgestattet. Ich lasse mir über booking.com eine Pension raus, die sowohl in der Nähe vom Stadion als auch der Haltestelle vom Flughafen-Bus ist – und ziehe den Jackpot. Denn als ich die Dame des Hauses beim Einchecken frage, ob sie nicht jemanden kennt, der noch ein Ticket für das Spiel übrig hat, meint sie furztrocken: „Yes, my son.“ Eine halbe Stunde später kommt der Sohnemann tatsächlich in mein Zimmer und drückt mit ein Ticket in die Hand. Nicht einmal Geld will er dafür haben, aber natürlich drücke ich ihm einen 20-Euro-Schein in die Hand. Wie ich dann im Stadion erfahren werde, ist die Pension mit ihrem zugehörigen Restaurant Bandensponsor beim HNK Gorica, so dass ich wirklich Glück mit dieser Unterkunftswahl hatte. Das Gradski Stadion (Städtisches Stadion) besteht nur aus zwei Tribünen, die Kurven sind nicht ausgebaut. Die Haupttribüne ist wie angekündigt ausverkauft, auch wenn es noch vereinzelt freie Sitzplätze gibt. Auf ihr nimmt ganz am Rand auch die winzige Fanszene des HNK Gorica Platz, die aber nicht weiter auffällt. Erst recht nicht heute, denn der Hajduk-Anhang auf der Gegengeraden liefert erwartungsgemäß ab. Die 1950 gegründete Torcida (älteste Fangruppe Europas) füllt zwar längst nicht die gesamte Gegengerade, aber gerade hier im Raum Zagreb lässt man natürlich keine anderen Leute auch nur in die Nähe von Hajduk-Fans. Das ist hier auf jeden Fall eines der Spiele, bei dem alles stimmt. Tolles Wetter, trotz des großen Polizeiaufgebots eine recht entspannte Atmosphäre (zumindest auf der Haupttribüne), fantastisch aufgelegte Gästefans, Bier im Ausschank und eine richtig urige Stadionpinte, in der ich mir nach dem Spiel noch einen Teller Cevapcici könne und dann in ihr versumpfe. Bis in die Puppen kann es aber nicht gehen, denn morgen geht’s in aller Frühe mit dem Bus zum Flughafen und dann über die Adria nach Brindisi.








































 

HNK Rijeka – NK Osijek 2:1

Kroatien, 1.HNL (1.Liga)
Samstag, 16. September 2023, 17.30 Uhr
Rijeka, Stadion Rujevica

Das Stadion Kantrida in Rijeka hätte gute Chancen, die Wahl als schönstes Stadion Europas zu gewinnen. Ausschlaggebend dafür ist vor allem die Lage direkt am Meer. Charmant ist die 1912 eröffnete Bude aber auch, weil an ihr schon unglaublich der Zaun der Zeit nagt. Eine moderne, überdachte Arena an gleicher Stelle wäre bei einer solchen Wahl chancenlos. Genau eine solche Arena ist aber leider geplant. Bereits 2015 hat der HNK Rijeka daher das Stadion Kantrida verlassen und ist ins provisorisch errichtete Stadion Rujevica oben in der Stadt gezogen. Zwar hat man auch von dort – wie überall in Riejka – Meerblick, aber sonderlich schön ist das notdürftig zusammengeschusterte Ding nicht. Ich hatte daher auch nie vor, das Stadion Rujevica zu besuchen. Aus dem Übergangsstadion ist inzwischen aber so eine Art Dauerlösung geworden. Das Stadion Kantrida steht nach wie vor in unverändertem Zustand unten am Meer. Bereits 2015 sollte der Umbau beginnen, doch der Investor war abgesprungen. Nun sollen es die Chinesen richten, aber auch da tut sich nichts. Der HNK Rijeka wird also noch eine Weile im Stadion Rujevica spielen – und damit komme ich nicht um den Besuch herum. Der heutige Hrvatski Nogometni Klub ist eigentlich ein italienischer Verein. Im vorherigen Bericht hatte ich ja bereits erwähnt, dass die Stadt bis zum Zweiten Weltkrieg den italienischen Namen Fiume trug und von 1924 bis 1947 zu Italien gehörte. Noch heute gibt es eine italienische Minderheit in Rijeka, die etwa zwei Prozent der Bevölkerung ausmacht. Stammväter waren die beiden Vereine Olympia Fiume und Gloria Fiume, die sich 1926 zur Unione Sportiva Fiumana zusammenschlossen. Sie spielte 1941 sogar in der Serie C in Italien. Ihr Spielort war das Stadio Littorio – wie das Stadion Kandtrida früher noch hieß. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das kommunistische Jugoslawien gegründet, zu dem auch Fiume/Rijeka kam, und da waren italienische Vereinsnamen nicht mehr erlaubt, zumal Italien mit seiner bei ihm verbliebenen istrischen Hauptstadt Triest Anspruch auf den jugoslawischen Teil Istriens erhob. Die Situation war angespannt, da konnte man keine italienischen Vereine in Jugoslawien gebrauchen. Und so wurde 1945 aus der US Fiumana die Fiskulturno Društvo Kvarner (benannt nach der Kvarnerbucht, die in Rijeka beginnt). Der heutige Vereinsname HNK (Kroatischer Fußballclub) war damals natürlich auch nicht erlaubt, weil die Kommunisten von Beginn an mögliche Unabhängigkeitsbestrebungen der jugoslawischen Teilrepubliken im Keim ersticken wollten. Seit 1954 hieß der Verein NK Rijeka, zu Beginn des Kroatienkriegs (1991 bis 1995) kam im Zuge der Kroatisierung das H hinzu. Zu jugoslawischen Zeiten wurde der Verein 2x Pokalsieger (1978 und 1979), seit der Unabhängigkeit kam ein kroatischer Meistertitel (2017) hinzu. Weitaus weniger erfolgreich als man so denkt, denn der HNK Rijeka dürfte hinter Dinamo Zagreb und Hajduk Split die drittgrößte Fanszene Kroatiens haben. Mit dem Bus geht’s für mich hinauf zum Stadion Rujevica, das mich wie erwartet ziemlich kühl lässt. Keine Schönheit, aber überraschenderweise kein Stahlrohr. Da war man sich wohl schon beim Bau darüber im Klaren, dass man eben doch nicht nur drei, vier Jahre hier spielt. Aufgrund des Meerblicks finde ich die Hütte aber auch nicht vollkommen scheiße. Eine absolute Frechheit ist der Gästekäfig, der eigentlich ein Gästegefängnis ist und komplett vergittert ist – auch oben. In Kombination mit der herrlichen Kvarnerbucht, die direkt dahinter liegt, ein enorm kontrastreiches Bild. Zu Spielbeginn ist der Gästeblock noch leer, ehe ein paar Minuten nach Anpfiff die 1988 gegründete Koharta Osijek mit etwa 30 Mann einrückt. Immerhin eine Strecke von 440 Kilometern. Gespannt bin aber vor allem auf die Armada 1987 von Rijeka. Ihre Graffiti mit maritimen Symbolen machen für mich maßgeblich den Charme der Stadt Rijeka aus. Im alten Kantrida gefiel mir auch immer der Zaunfahnen-Stil der Armada ungemein, weil nur eine relativ kleine Hauptfahne hing und ansonsten lauter kleine Fahnen in Doppelhalter-Größe der einzelnen Aramda-Sektionen. Das machen auch andere Szenen in Europa so, aber meiner Meinung nach keine so konsequent wie die Armada. Leider macht sie das im Stadion Rujevica nicht mehr so. Akustisch gibt es aber nichts zu meckern, da rockt die Heimkurve ziemlich gut. Nach Spielende spüre ich leider wieder die Nachteile eines ehemaligen kommunistischen Landes, denn im Osten Europas werden die Gehwege früh hochgeklappt. Da bildet auch Rijeka keine Ausnahme, auch nicht im warmen September. Völlig unmöglich, nach dem Spiel noch ein geöffnetes Restaurant zu finden. Ich kann schon froh sein, dass der Supermarkt in Stadionnähe noch geöffnet hat, so dass ich mir ein paar Dosen Bier für den nächtlichen Stadtspaziergang einpacken kann. Rijeka wirkt zwar italienisch, aber ist es halt nicht. Dennoch: Absolut eine meiner Lieblingsstädte in Europa!