SV Maria Gail/Tschinowitsch - SG ASKÖ Schiefling/Sankt Egyden 5:1

Österreich, 1.Klasse Kärnten – Staffel B (6.Liga)
Freitag, 17. Mai 2024, 18 Uhr
Villach, Sportplatz Maria Gail

An diesem Freitag beginnt zweifelsohne eine der schönsten Touren dieses Jahres, die allerdings für diesen Blog Folgen haben wird, denn aufgrund eines technischen Problems gehen mir haufenweise Fotos verloren, so dass es in den kommenden zwei Monaten hier nur sporadisch Berichte geben wird. Noch läuft aber alles wie gehabt und so steige ich bester Laune in München in den Railjet nach Klagenfurt, der mich pünktlich in Villach rauswirft. Malerische Zugfahrt durch den Nationalpark Hohe Tauern – da klebt man wirklich durchgehend an der Fensterscheibe. Definitiv eine der schönsten Zugstrecken Europas! Da bin ich fast schon traurig, als ich die Bier-Stadt Villach (65.000 Einwohner) erreiche, aber auch dort ist wie üblich gutes Programm geboten. Wie üblich heißt, dass es zunächst einmal in den Annenhof hinter dem Villacher Hauptbahnhof geht, der eine eigene Hausbrauerei besitzt und in Villach immer der perfekte Spot fürs Mittagsessen ist. Nach einem kurzen Rundgang durch die im österreichischen Vergleich nicht herausragende, aber doch schöne Altstadt lande ich beim Platzhirschen der Bier-Stadt, nämlich der Villacher Brauerei. Die befindet sich am Rand der Altstadt und unterhält dort sowohl ein Wirtshaus als auch eine Kneipe mit dem schönen Namen Biereck, in der es sich gut aushalten lässt. Dort noch schnell einen Sixpack als Proviant erstanden und dann geht’s mit dem Linienbus in den Ortsteil Maria Gail. 2,50 Euro für die kurze Fahrt sind zwar vertretbar, allerdings bin ich inzwischen wirklich durch das Deutschlandticket verwöhnt und empfinde es wirklich als nervig, mich im Ausland erst einmal über Tarifzonen und über die Möglichkeiten des Ticketkaufs (Automat an der Haltestelle, Automat im Bus, beim Fahrer, nur online, am Kiosk?) informieren zu müssen anstatt wie in Deutschland einfach einsteigen zu können. Maria Gail hat lediglich 570 Einwohner und daher nicht allzu viel zu bieten, allerdings sind die Namen der beiden Straßen sehr interessant, die den örtlichen Sportplatz einkeilen, weil sie viel über die Geschichte Kärntens sagen und hervorragend zum weiteren Verlauf dieser Tour passen: Abstimmungsstraße und 18.-November-Platz. Sie erinnern an die Kärtner Volksabstimmung vom 10. Oktober 1920 und die Umsetzung des Votums am 18. November 1920. Österreich-Ungarn war bis zum Ersten Weltkrieg ein Vielvölkerstaat, der durch die Kriegsniederlage zerfiel. Spielten die inländischen Grenzen bis dahin nur eine untergeordnete Rolle, wurden diese nach dem Ersten Weltkrieg durch die Bildung neuer Staaten plötzlich zum Streitpunkt. Während Ungarn das heutige Bundesland Burgenland (das sogenannte Deutsch-Ungarn) an Österreich abtreten musste, war nicht so ganz klar, was mit Kärnten und der Steiermark passieren soll, auf die der neue, sich von Österreich-Ungarn abgetrennte Staat der Serben, Kroaten und Slowenen (SHS-Staat; das spätere Jugoslawien) Anspruch erhob und jeweils den Süden zugesprochen bekam, also einerseits die Untersteiermark mit Maribor und andererseits das slowenische Kärnten (Koroška) mit den Städten Dravograd, Slovenj Gradec und Ravne. Der SHS-Staat wollte jedoch auch weitere Teile Kärnten mit slowenischer Minderheit, weshalb die Siegermächte des Ersten Weltkriegs dort eine Volksabstimmung durchführen ließen. Das Abstimmungsgebiet wurde dafür in zwei Teile getrennt. Die Zone 1 mit den Städten Bleiburg, Völkermarkt und Eisekappel hatte eigentlich eine slowenische Bevölkerungsmehrheit, die 1910 bei etwa 70 Prozent lag, während die Zone 2 rund um Klagenfurt überwiegend deutschsprachig war. Am 10. Oktober 1920 ließ man zunächst in der Zone 1 abstimmen und ging davon aus, dass man dort für den SHS-Staat votiert, jedoch wollten 59 Prozent der Wähler den Anschluss an Österreich. Es hatten also auch viele Kärtner Slowenen gegen den SHS-Staat gestimmt. Auf eine Abstimmung in der Zone 2 verzichtete man daraufhin und am 18. November 1920 kam der Norden Kärntens zu Österreich. Dort spielt die Abstimmung bis heute eine wichtige Rolle, der 10. Oktober ist in Kärnten ein Feiertag und viele Straßen und Plätze sind nach ihm benannt. Der slowenischen Minderheit hat man viele Rechte eingeräumt, es gibt zweisprachige Straßenschilder und auch mehrere slowenische Fußballvereine. Einen davon, den DSG Sele, hatte ich vor drei Jahren besucht (siehe hier). Maria Gail hat mit Marija na Zilji ebenfalls einen slowenischen Namen, allerdings kein zweisprachiges Ortseingangsschild, da es keine relevante slowenische Minderheit gibt. Villach lag ohnehin außerhalb der beiden Abstimmungszonen und war von Anfang an für Österreich vorgesehen. Mit exotischer Zweisprachigkeit kann der SV Maria Gail/Tschinowitsch also nicht punkten, dafür mit einem herrlichen Sportplatz, über dem die Dorfkirche thront und der einen schönen Blick auf die Alpen gewährt. Eine Tribüne mit fünf Sitzreihen, ein üppiger Catering-Bereich und der ein oder andere urige Einheimische machen die Sache endgültig zum Genuss. Nach dem Spiel geht es mit dem Bus zurück zum Villacher Hauptbahnhof und da der ein wichtiger Knotenpunkt ist, bietet er hervorragende Verbindungen nach Italien und Slowenien. Zumindest die letzte Verbindung des Tages hinüber in die slowenische Hauptstadt Ljubljana scheint jedoch wenig gefragt zu sein und ich bin auf österreichischer Seite tatsächlich der einzige Fahrgast an Bord. Das ändert sich erst ab dem Grenzort Jesenice. Da es in Ljubljana ohnehin nur ein achtstündiger Aufenthalt über Nacht wird, reicht ein Kapselhotel in Bahnhofsnähe, um ein bisschen Kraft für den morgigen Tag am Meer zu tanken.