Belgien, Pro League (1.Liga)
Sonntag, 26. November 2023, 18.30 Uhr
Anderlecht, Stade Constant Vanden Stock/Constant Vanden Stockstadion
Anderlecht hat mich sofort! Aber so richtig in your face! Ich war ja erst 2022 zum ersten Mal in der Hauptstadtregion Brüssel, die mich davor irgendwie nie gecatcht hat und die von Baden-Württemberg einfach auch zu weit weg ist. Da gibt es attraktivere Ziele, die schneller erreichbar sind. Auch mag ich Großvereine eigentlich überhaupt nicht – und ein solcher ist der RSC Anderlecht als belgischer Rekordmeister (34 Titel) und mit drei Europapokalsiegen (1976, 1978, 1983) zweifelsohne. Aber schon als ich mich die Metro an der Station Saint-Guidon nahe des Stade Constant Vanden Stock ausspuckt und ich dem Zuschauer-Tross durch die engen Straßen an diesen typisch belgischen bräunlich-weißen Fassaden mit Backstein und Stuck hinterhertrotte, die schnuckeligen, vollkommen überfüllten Kneipen am Stadion sehe und den Geruch der qualmenden Food Trucks aufsauge, bin ich hin und weg. Kurz zu den Fakten: Anderlecht ist mit knapp 130.000 Einwohnern hinter Brüssel und Schaerbeek/Schaarbeek die drittgrößte der 19 Gemeinden der Hauptstadtregion Brüssel. Es beginnt direkt hinter dem Südbahnhof von Brüssel, aber wie überall in der Hauptstadtregion lassen sich die Grenzen zu den Nachbargemeinden kaum noch erkennen, weil alles zusammengewachsen ist. Am sehr flämisch klingenden Namen Anderlecht merkt man, dass die Hauptstadtregion ursprünglich flämischsprachig wurde und erst mit Beginn des 19. Jahrhunderts allmählich francophon wurde. Heute ist sie zu 80 Prozent französischsprachig. Interessanterweise gibt es für Anderlecht keine zweisprachige Bezeichnung, also keinen eigenen französischen Namen. Gesungen wird beim RSC Anderlecht ausschließlich auf Französisch und auch Spruchbänder etc. sind durchweg auf Französisch. Heute provoziert man den „Stadt“-Rivalen aus Molenbeek etwa mit einem Doppelhalter mit der Aufschrift „Bruxelles c’est nous“ (Wir sind Brüssel), zumal man sich auch dort ausschließlich auf Französisch artikuliert. Ich bemerke aber auch immer wieder Zuschauer, die auf Flämisch miteinander reden. Allerdings gehe ich stark davon aus, dass der RSC Anderlecht als erfolgreichster Verein Belgiens Fans in ganz Belgien hat, also auch in Flandern, und das nicht wirklich etwas über die sprachliche Zusammensetzung der Gemeinde Anderlecht aussagt – denn hier dürften die wenigsten Fans wirklich aus Anderlecht kommen. Das ist ja leider immer so bei Großvereinen und der Hauptgrund, warum ich sie eigentlich überhaupt nicht mag. Keine lokale Bindung. Froh kann ich sein, überhaupt an ein Ticket für dieses „Stadt“-Derby gekommen zu sein, aber wenige Tage zuvor ploppte ein Kontingent für einen Block mit eingeschränkter Sicht auf der Gegengerade auf und das sogar zu einem guten Preis. Dieser Block ganz oben zwischen den Betonpaneelen ist wirklich die absolute Fehlplanung und man fragt sich ernsthaft, was für einen Architekten man da einst engagiert hat, der so etwas ausgeheckt hat, denn man sieht mitunter lediglich die Eckfahne. Selbst nur 5 Euro Eintritt wären da schon eine Frechheit. Allerdings geht es ja allen Leuten so, die Tickets in diesem Bereich haben, und glücklicherweise herrscht eine recht kollegiale Atmosphäre untereinander, so dass alle ein bisschen zusammenrücken, und da sich auch niemand beschwert, wenn man stehenbleibt, habe ich schlussendlich doch ideale Sicht. Die Heimkurve um die 2003 gegründete Mauves Army feiert heute ihr 20-jähriges Bestehen und zeigt zu Spielbeginn eine Choreo in Form einer Blockfahne. Zu Beginn der zweiten Halbzeit gibt es eine weitere Choreo mit Blockfahne plus reichlich Pyrotechnik. Optisch richtig gut und auch gesanglich machen die 90 Minuten Spaß. Der Support ist sehr francophon, so richtig laut wird es aber nur dann, wenn das typisch britische „We are Anderlecht“ angestimmt wird, bei dem auch gerne das restliche Stadion mit einsteigt. Der Gast aus Molenbeek, bei dem einer der Vorgängervereine die Stammnummer 2 trägt und der damit hinter Royal Antwerp der zweitälteste Verein Belgiens ist, füllt den Gästeblock natürlich bis auf den letzten Platz und hält so gut wie möglich gegen die gesangliche Übermacht der Heimkurve. Zu Spielbeginn zeigt man ebenfalls eine Blockfahne, dazu Doppelhalter mit dem Vereinskürzel und anschließend ein paar Bengalos. In Summe muss man sagen, dass das natürlich nicht das Top-Derby Europas ist, aber durchaus reinläuft. Nach dem Spiel natürlich noch ein Friterie-Besuch, dann ab ins Bett. Morgen steht Kultur auf dem Programm.





















































