Griechenland, Super League (1.Liga)
Dienstag, 3. Januar 2023, 17 Uhr
Levadia, Gipedo Levadias
Neujahrsvorsätze gab es bei mir nie und ehrlich gesagt ist Silvester für mich eigentlich ein ganz normales Datum. Dennoch habe – ganz unabhängig vom Jahreswechsel – einen Entschluss für mich gefasst: Griechenland soll in meinem Leben eine noch größere Rolle spielen als ohnehin schon. Und so geht es mit Ryanair zum gewohnt schmalen Preis direkt am Neujahrstag nach Saloniki. Das hat allerdings nun wirklich nichts mit Neujahrsvorsätzen zu tun, sondern mit dem griechischen Fußballverband, der für die erste Januar-Woche eine englische Woche mit den Derbys in Saloniki (PAOK – Aris) und Athen (AEK – Panathinaikos) angesetzt hat. Letzteres ist sogar das erste Derby im nagelneuen Hagia-Sophia-Stadion. Damit geht’s für mich eine volle Woche nach Hellas. Zwar werden damit auch fußball- und sportfreie Tage dabei sein, die will ich allerdings nutzen, um mich mal ganz intensiv mit Saloniki als Stadt auseinanderzusetzen. Dazu dann später mehr. Am dritten Tag meiner Reise wartet auf mich das erste Spiel der Tour in Levadia. Die 30.000-Einwohner-Stadt liegt gut 100 Kilometer nordwestlich von Athen und hat einen Bahnhof an der griechischen Hauptstrecke Saloniki – Athen. Die Drei-Stunden-Fahrt ab Saloniki kostet pro Richtung 26,50 Euro. Im Zuge der großen Wirtschaftskrise musste Griechenland sein Tafelsilber verscherbeln und sämtliche Staatsbetriebe ans Ausland verkaufen. Der Hafen von Piräus gehört jetzt den Chinesen, der Frankfurter Flughafen (Fraport) hat sich 14 griechische Flughäfen unter den Nagel gerissen (u.a. in Saloniki und auf sämtlichen griechischen Inseln) und die Eisenbahn gehört nun der italienischen Trenitalia. Die geht sogar sehr offensiv damit um, denn die griechischen Schaffner tragen nun italienische Uniform. Da denkt man auf den ersten Blick, man habe sich im Land geirrt und sei versehentlich nach Bari geflogen. Aber immerhin kommt der Zug pünktlich am schnuckeligen, aber weit außerhalb liegenden Bahnhof von Levadia an, an dem schon alles voller Panathinaikos-Aufkleber ist. Ja, der Anhang des 20-fachen griechischen Meisters hat die Erlaubnis bekommen, nach Levadia fahren zu dürfen – und macht davon rege Gebrauch. Viel los ist zwar nicht in der nicht sonderlich spektakulären Stadt, was man bei 30.000 Einwohnern auch gar nicht erwartet, aber wenn man Leute trifft, dann sind das fast durchweg Gästefans. Die werden im Stadion nicht im eigentlichen Gästeblock verfrachtet, der recht klein ist und daher gleich ganz geschlossen bleibt, sondern man stellt den Panathinaikos-Fans die komplette Gegengerade zur Verfügung. Vor dem Spiel herrscht ziemliches Chaos am Stadion. Die Polizei sperrt die Zugänge ab und lässt keinen durch, der kein Ticket hat. Ich habe kein Ticket, kann mich dank Ausländerbonus aber durchschleusen. Der hilft mir an den Kassenhäuschen aber nicht weiter. Erst heißt es, dass keine Tickets mehr verkauft werden, dann taucht doch wieder ein kleines Kontingent auf, auf das sich alle wie am Wühltisch stürzen – und das, obwohl hinter der Polizeikette ja eigentlich gar keine Leute ohne Tickets sein dürften. Das typische griechische Chaos. Mir wird das zu bunt und da noch genug Zeit bis Anpfiff vorhanden ist, drehe ich mal eine Runde ums Stadion und lande am Gästeblock. Genau in diesem Moment stürmt eine kleine Gruppe die Tore und da ich mir denke, dass das in meiner Situation vermutlich die unkomplizierteste Ticket-Option ist, schlappe ich einfach hinterher. Damit stehe ich zwar im Gästeblock, aber der ist wie gesagt derart groß, dass das gar nicht schlimm ist. Ich stelle mich ganz an den Rand der Gegengerade und da sich der Stimmungskern am genau anderen Ende befindet, ist das eigentlich sogar richtig optimal so. Auf jeden Fall total krass, was für Massen Panathinaikos für dieses Spiel bewegt hat. Die Gegengerade platzt praktisch aus allen Nähten. Der große Verlierer ist die Heimszene (Gate 1), deren angestammter Platz eigentlich auf der Gegengerade ist. Sie tritt damit heute nicht in Erscheinung. Zwar hängt eine Zaunfahne am Rand der Haupttribüne, dahinter stehen aber lediglich fünf, sechs Leute, die einfach nur das Spiel anschauen. Eine bodenlose Frechheit, den Gästefans den Heimbereich zu überlassen, aber es scheint sich kein Protest zu rühren. Als neutraler Besucher kann ich mich darüber allerdings nicht beschweren, denn das, was der PAO-Anhang hier abzieht, ist griechische Fan-Kultur par excellence und damit einfach nur geil. Momente wie diesen hatte ich im Kopf, als ich den Entschluss gefasst habe, mehr nach Griechenland zu fahren. Und es wird sogar noch richtig wild, denn immer wieder leisten sich PAO-Fans hinter der Gegengerade Scharmützel mit der Polizei. Was da genau abläuft, kann ich von meinem Platz nicht sehen, aber ständig explodierende Böller, Gepöbel und der Gestank von brennenden Mülltonnen machen deutlich, dass es draußen rund geht. Mitte der zweiten Halbzeit reagiert die Polizei mit Tränengas und die Wolke zieht hinein ins Stadion. Da insbesondere die andere Seite der Gegengerade, wo sich der Stimmungskern befindet, völlig überfüllt ist, klettern zig Leute über den Zaun, um der Wolke zu entfliehen, und gehen aufs Spielfeld. Letztendlich steht ein Mob von etwa 200 Mann auf dem Rasen und macht sich auf den Weg in Richtung Haupttribüne, wo die Leute fluchtartig ihre Plätze verlassen. Abgesehen vom Umtreten von Werbebanden und Kameras bleibt der größtenteils vermummte PAO-Mob aber vergleichsweise friedlich. Die Polizei ist so schlau, nicht ins Stadioninnere zu kommen, denn würde es völlig eskalieren. Somit gehen die Leute irgendwann von alleine wieder zurück auf die Gegengerade. Da PAO führt, liegt auch nicht wirklich Aggressivität in der Luft. Anders sieht es hinter der Gegengerade aus und nach Abpfiff bekomme auch ich einen Eindruck davon, was dort während des Spiels los gewesen sein muss. Die Mülltonnen brennen noch und man sieht auf dem Boden, dass wohl auch einige Steine und Flaschen auf die Polizei flogen.