FK Yantra Gabrovo – FK Belasitsa Petrich 2:1

Bulgarien, Vtora Liga (2.Liga)
Donnerstag, 20. Juli 2023, 18.30 Uhr
Gabrovo, Stadion Hristo Botev

Gestern war ich noch mit dem von mir so ungeliebten Bus unterwegs, aber ab jetzt geht es in Bulgarien fast nur noch mit dem Zug weiter. Der Bahnhof von Razgrad liegt wie gesagt ein ganzes Stück außerhalb der Stadt, aber mein Hotel (feiner Sowjet-Bunker, stabiler Preis) ruft mir dankenswerterweise ein Taxi, das überpünktlich erscheint. Ich habe somit noch etwas Zeit, mir den Bahnhof von Razgrad etwas näher anzuschauen. Was für ein Ding! Hier wurde seit dem Fall des Eisernen Vorhangs gar nichts mehr gemacht. Und wahrscheinlich auch schon lange vorher nicht. Die Hütte sollte eigentlich zum Freilichtmuseum werden. Aber ja, das ist tatsächlich der Bahnhof des neuen bulgarischen Serienmeisters. Es geht hinein in einen richtig schön klapprigen Zug und ich werde in den kommenden Tagen feststellen, dass alle Züge in Bulgarien so sind. Andere ehemalige kommunistische Länder wie Tschechien oder Ungarn haben da schon aufgeholt, aber in Bulgarien scheint die Zeit wirklich stehengeblieben zu sein. Schöne Zeitreise. Dazu alles spottbillig. Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Für die längste Zugverbindung Bulgariens – von Sofia ans Schwarze Meer – zahlt man umgerechnet nicht einmal 15 Euro. Ich muss heute allerdings nur nach Gabrovo und komme damit zum ersten Mal bei dieser Bulgarien-Tour in eine Stadt, von der ich bislang noch nie etwas gehört habe. Gabrovo (43.000 Einwohner) liegt mitten im zentralbulgarischen Nirgendwo und gilt als „Stadt des Humors“. Es gibt hier sogar ein eigenes Humor- und Satire-Festival. Der zweite Beiname von Gabrovo lautet „Manchester Bulgariens“, weil hier einst die Textilindustrie extrem florierte. Davon ist heute nichts mehr zu sehen, es bröckelt ziemlich in der Stadt – wie überall in Bulgarien. Hübsch hergerichtet ist dafür die kleine Altstadt, an der der Fluss Yantra (Namensgeber des örtlichen Zweitligisten) vorbeifließt und in der ich mir eine sehr sympathische Pension gebucht habe. Natürlich wieder zu einem fast schon unverschämt niedrigen Preis. Die Altstadt hat einen sehr osmanischen Touch, in den Hinterhöfen gibt es kleine Bier-Bars und Restaurants. In einem nehme ich voller Vorfreude Platz, ehe die Kellnerin kommt und meint, dass die Küche heute geschlossen bleibt – es gibt mal wieder keinen Strom. Nein, man fühlt sich hier wirklich nicht wie in der EU. Dann geht’s halt hungrig zu Fuß quer durch die Stadt und schließlich zum nicht weit entfernten Stadion, das wie so viele Stadien in Bulgarien nach dem Nationalhelden Hristo Botev benannt ist. Er war einer der Anführer des Aprilaufstandes von 1876, bei dem sich die Bulgaren gegen die damals seit 500 Jahren währende osmanische Herrschaft aufgelehnt haben. Der Aufstand wurde zwar von osmanischen Truppen niedergeschlagen, läutete aber die bulgarische Unabhängigkeit ein, die 1908 vollständig erreicht wurde. Botev war sehr von Vasil Levski beeinflusst, ebenfalls ein Anführer des bulgarischen Aufstands, und weil beide Russland sehr nahe standen und Befürworter der (sozialistischen) Pariser Kommune waren, hatten die Sowjets nach 1945 überhaupt kein Problem damit, dass in Bulgarien viele Stadien und sogar Fußballvereine nach Botev und Levski benannt sind. Am Botev-Stadion in Gabrovo kann man für umgerechnet 3 Euro ein Ticket beim sympathischen und leicht angetrunkenen Herren mit schief sitzender Ferrari-Mütze an der Kasse kaufen, um den heutigen Zweitliga-Schlager gegen Belasitsa Petrich zu sehen. Hoffentlich stimmt die Abrechnung am Ende. Der ganz große Star ist hier natürlich das Stadion – was für eine geile Schüssel! In Bulgarien ist nicht nur bei den Zügen die Zeit stehengeblieben, sondern auch bei den Stadien. Abgesehen von der gestern besuchten Ludogorets Arena in Razgrad, dem Stadion von Botev Plovdiv und dem sich aktuell im Umbau befindenden Stadion von Lokomotiv Plovdiv gibt es keinerlei Neubauten in diesem Land. Bulgarien – die letzte Bastion in Europa! Neben dem Stadion selbst kommt hier in Gabrovo auch noch die schöne Landschaft hinzu, in die die Schüssel eingebettet ist. Ein bisschen Fankultur gibt es auch, denn bei den Gastgebern gibt es eine kleine Szene. Die hat eine riesige Fahne auf der Tribüne ausgebreitet, was etwas seltsam aussieht, und auch sonst stellt sie sich ziemlich stümperhaft an. Höhepunkt ist, als vor der ausgebreiteten Fahne ein paar Rauchfakeln aufgestellt werden, akkurat nebeneinander, und diese dann gleichzeitig angezündet werden. Dazu passiert nichts, keine Gesänge, sondern man schaut einfach nur, wie sich der Rauch entwickelt und macht Fotos mit dem Handy. Konsequenzen gibt es keine, es juckt einfach niemanden. Das kann man schon mal festhalten: Bis auf CSKA Sofia, Levski Sofia, Botev Plovdiv, Lokomotiv Plovdiv und mit Abstrichen Spartak Varna kann man die Fankultur in Bulgarien eigentlich vergessen. Nach dem Spiel tauche ich noch ein bisschen in die kleine Altstadt von Gabrovo ein und kehre in das süße Restaurant unter meiner Pension ein, in dem es glücklicherweise keine Stromprobleme gibt. Ja, Bulgarien macht mir immer mehr Spaß.