FK CSKA Sofia – Sepsi OSK 0:2

Bulgarien, UEFA Conference League (2. Qualifikationsrunde)
Donnerstag, 27. Juli 2023, 20 Uhr
Sofia, Stadion Balgarska Armija

Die nächsten zwei Tage werden gänzlich ohne Fußball ablaufen, denn ich verziehe mich nun in die Touri-Hochburg Sonnenstrand bzw. Sunny Beach. Der Name ist ein Marketing-Geniestreich der örtlichen Tourismusbranche. Denn als 1958 diese künstliche Feriensiedlung nördlich von Burgas aus dem Boden gestampft wurde, hat man sich einfach diesen Namen ausgedacht, um sie möglichst attraktiv wirken zu lassen. Mit Goldstrand nahe Varna gibt es einen weiteren solchen Ort an der bulgarischen Schwarzmeerküste, aber Sonnenstrand kann bis zu 200.000 Gäste aufnehmen und ist damit größer. Eigentlich ist Sonnenstrand ein Stadtteil von Nessebar, dessen Altstadt auf einer Insel im Schwarzen Meer liegt, aber weil Sonnenstrand so derart wichtig für den bulgarischen Tourismus und damit auch für die Wirtschaft ist, handelt es sich um eine Sonderverwaltungszone. Sonnenstrand wird gemeinsam von Nessebar, der bulgarischen Regierung in Sofia und den örtlichen Hoteliers verwaltet. Ein Taxi bringt mich früh morgens zum Busbahnhof von Stara Zagora, von dort fährt ein Direktbus nach Sonnenstrand, der jetzt im Hochsommer natürlich bis auf den letzten Platz belegt ist. Ich bin schon sehr gespannt auf den Ort, denn es war ja ursprünglich geplant, dort den gesamten Familienurlaub zu verbringen. Und es ist genau so, wie ich es erwartet habe: Hotelburg an Hotelburg, dazwischen Bars, Restaurants, kleine Supermärkte und Shops, die Postkarten, Souvenirs und Dinge für den Strand verkaufen. Die Straßen sind voll mit Fußgängern, die Luftmatratzen, Taucherbrillen oder Volleybälle unter dem Arm tragen. Nicht ein einziges Bauwerk, das annähernd historisch oder gar kulturell reizvoll wäre. Ja, ich gebe es zu: Auch solche Orte gefallen mir unglaublich! Ich genieße die Zeit hier sehr und liege auch mal ein paar Stunden am Strand unter einem gemieteten Sonnenschirm, was ich sonst wirklich nie mache. Höhepunkt ist die Fahrt mit dem SBT (Sunny Beach Train) – ein kleiner Zug, der mit normalen Rädern auf der Straße fährt und quer durch das langgezogene Sonnenstrand zuckelt. Es gibt sogar einen Anschluss an einen weiteren Zug nach Nessebar. Gedacht ist er natürlich für Touristen, deren Hotel etwas außerhalb liegt, aber ich will einfach mal so von Endstation zu Endstation fahren und bei geringem Tempo den gesamten Ort anschauen. Fahrpreis liegt bei umgerechnet 3 Euro, also mit zwei Dosen Bier in den letzten Wagen setzen und die Touri-Atmosphäre genießen. Als ich wieder nahe meines Hotels im eigentlichen Zentrum von Sonnenstrand aussteigen will, übersieht der Fahrer die Haltestelle und ich muss wieder bis zur Endhaltestelle mitfahren. Kein Problem, gibt’s halt noch einmal 3 Euro. Auf der Rückfahrt hält er allerdings erneut nicht an und weil es mir so langsam zu bunt wird, springe ich während der Fahrt raus. Die Dinger fahren ja nicht schnell, aber der Fahrer schimpft trotzdem ganz schön herum. Naja, dann halte halt an, wenn Leute an einer Haltestelle aussteigen wollen. Die Atmosphäre in Sonnenstrand ist auch am Abend stark, überall laute Musik, teilweise richtig coole bulgarische Live-Musik im Balkan-Stil, ein Riesenrad dreht seine Runden, Schießbuden haben geöffnet, alles blinkt, alles glitzert. Ja, hier hätten sich auch meine Lieben richtig wohlgefühlt. Am Donnerstag ist der Spuk für mich aber schon wieder vorbei, denn in Sofia ruft der Europapokal. Der Litex-CSKA spielt im Stadion der bulgarischen Armee und da das bald plattgemacht wird, ist das ein Pflichttermin. Fehlt mir nämlich noch. Selbstverständlich gibt es Direktbusse von Sonnenstrand nach Sofia. Die Fahrt dauert knapp sieben Stunden und kostet umgerechnet 20 Euro. Deutlich teurer als der Zug, aber Sonnenstrand hat nun mal keinen Bahnhof. Man könnte zwar erst mit dem Bus nach Burgas fahren und dann mit dem Zug weiter, aber das ist es mir nicht wert. Angekommen in Sofia checke ich schnell im gebuchten Hotel direkt am Haupt- und Busbahnhof ein, schmeiße mein Gepäck ins Zimmer und starte zum Stadion der bulgarischen Armee, das nur einen Steinwurf entfernt vom großen Levski-Nationalstadion steht (nicht zu verwechseln mit dem Stadion von Levski Sofia – hier ist halt vieles nach Nationalheld Levski benannt). Am Eingang des Stadions der bulgarischen Armee sind bereits Schilder aufgestellt, die auf den baldigen Abriss hinweisen und das neue Stadion illustrieren, das an gleicher Stelle entstehen wird. Ja, auch die letzte Bastion ist leider nicht perfekt. Zu Gast ist heute in der zweiten Qualifikationsrunde der Conference League ein Verein, der fanmäßig uninteressant ist, aber den man sich trotzdem näher anschauen muss. Der Sepsi OSK kommt aus der rumänischen Stadt Sfântu Gheorghe (Ungarisch: Sepsiszentgyörgy) im Szeklerland. Das Szeklerland gehörte bis zum Ersten Weltkrieg zu Ungarn, musste aber aufgrund der Kriegsniederlage von Österreich-Ungarn an Rumänien abgegeben werden. Nach wie vor hat das Szeklerland aber eine ungarische Bevölkerungsmehrheit. In Sfântu Gheorghe sind 46.000 der 61.000 Einwohner Ungarn. Seit Victor Orbán in Ungarn an der Macht ist, pumpt er mit seiner Brot-und-Spiele-Politik massiv Geld in den Fußball, wodurch in den vergangenen Jahren in seinem Land selbst in kleinen Dörfern moderne Stadien entstanden sind. Ist ja auch hier auf diesem Blog immer wieder zu lesen. Orbán investiert aber nicht nur in den ungarischen Fußball in Ungarn, sondern hat sich auch in den Nachbarländern mit relevanter ungarischer Minderheit (Rumänien, Slowakei und Serbien) jeweils einen Verein herausgepickt, der vom ungarischen Staat und/oder dem ungarischen Fußballverband massiv unterstützt wird. Gleichzeitig werden verstärkt ungarische Pässe an die Angehörigen der ungarischen Minderheit verteilt – und das sind alles Wählerstimmen, potenziell für Orbán, weil der ja so viel für sie macht. In Slowakei fiel die Wahl auf den Dunaszerdahelyi AC aus Dunajska Streda (Ungarisch: Dunaszerdahely), in Serbien auf den Topolyai SK aus Backa Topola (Ungarisch: Topolya), der vor wenigen Wochen serbischer Vizemeister wurde, und in Rumänien auf den Sepsi OSK. 2011 spielte er noch in der 5.Liga, in den vergangenen beiden Jahren wurde er rumänischer Pokalsieger. Der Orbán-Plan geht also auch in Rumänien auf. Fanmäßig ist dieser Verein aber trotz des rasanten Erfolgs vollkommen irrelevant geblieben. Zwar stehen heute rund 200 Leute im Gästeblock, die ab und zu mal singen (auf Ungarisch), dazu hängt eine blau-goldene Fahne des Szeklerlandes am Zaun, aber da muss man eigentlich nicht großartig hinschauen. Auch deshalb nicht, weil die Gegengerade, auf der die Ultras des CSKA stehen, aus allen Nähten platzt. Viele Fahnen in der Luft, gutes Bild, einzig die Schwenkfahne mit einem darauf abgebildeten QR-Code finde ich bescheuert. Aber ich habe hier ja ohnehin schon durchsickern lassen, dass ich kein Freund der CSKA-Szene bin, weil sie zum Litex-CSKA geht. Stimmung laut, aber nicht melodisch – typisch osteuropäisch. Eine Augenweide ist das Stadion und es ist wirklich traurig, dass das Ding demnächst plattgemacht wird. Nach dem Spiel schlendere ich noch ein bisschen über den Vitosha Boulevard, also den zentralen Prachtboulevard von Sofia, und genieße den Abend.