Bulgarien, Parva Liga (1.Liga)
Samstag, 22. Juli 2023, 19.15 Uhr
Plovdiv, Stadion Hristo Botev
Ein bisschen rastlos geht es jetzt am Anfang dieser Bulgarien-Tour zu und so steige ich nach nur einer Nacht in Sofia schon wieder in einen herrlich räudigen Zug. Nächstes Ziel ist Plovdiv – die Stadt, von der ich bei meinen beiden vorherigen Bulgarien-Trips am meisten gesehen habe. Allzu umfangreich wird der Stadtspaziergang diesmal daher nicht, zumal ich im Laufe dieser Tour noch ein weiteres Mal in Plovdiv Station machen werde. In der zweitgrößten Stadt Bulgariens (350.000 Einwohner) ist das antike Erbe ebenfalls sehr sichtbar. Besonders beeindruckend ist das alte römische Stadion, das direkt unter der Fußgängerzone liegt und nur zufällig im Jahr 1980 bei Bauarbeiten entdeckt wurde. Es wurde inzwischen weitgehend freigelegt und bildet zusammen mit der direkt danebenstehenden Dschumaja-Moschee aus dem Jahr 1364 ein wunderschönes Ensemble. Ansonsten merkt man in der Innenstadt, dass Plovdiv Europas Kulturhauptstadt 2019 war. Alles wurde sehr herausgeputzt und ist für meinen persönlichen Geschmack zu hip geworden. Inzwischen sind hier Touris unterwegs, die sonst eher nach Barcelona fliegen, was sich nicht zuletzt auch beim Preisniveau bemerkbar macht, das in der Innenstadt deutlich höher ist als anderswo in Bulgarien. Das war bei meinem ersten Besuch in Plovdiv im Oktober 2009 noch ganz anders. Selbst den Bahnhof, an dem einst der majestätische Orient-Express auf dem Weg nach Istanbul gehalten hat, erkenne ich fast nicht mehr wieder. 2009 war das noch ein richtiges Drecksloch mit richtig viel Ostblock-Flair, jetzt ist die Hütte derart saniert, dass man denkt, der Orient-Express kommt gleich wieder. Wenn man aber zu Fuß in Richtung des neuen Stadions von Botev geht, dann präsentiert sich Plovdiv doch noch wie in alten Zeiten. Die Sanierungen für das Jahr als Kulturhauptstadt haben eben nur die Innenstadt und den Bahnhof getroffen. Eröffnet wurde das neue Stadion erst vor drei Monaten. Der Komplettumbau ist nicht ganz abgeschlossen, denn die Hintertortribünen werden auch noch überdacht, aber ansonsten ist alles fertig. Zu Gast ist heute Levski Sofia, womit das hier das Highlight-Spiel der ganzen Tour werden wird. Vor dem Spiel wird es fast brenzlich für mich, denn während ich so vor dem Stadion stehe und mir die Außenfassade anschaue, kommt ein gefühlt zehn Meter breiter Botev-Hool genau auf mich zu und bleibt grimmig schauend vor mir stehen. Mein Herz hängt schon längst in der Unterhose, aber der Typ gibt mir einfach kommentarlos eine Freikarte für die Haupttribüne, dreht sich um und geht wieder. Keine Ahnung, was die Aktion soll, aber natürlich bin ich hier sofort als Ausländer erkennbar und vermutlich wollte er einfach gastfreundlich sein, auch wenn sein Gesichtsausdruck etwas anderes gesagt hat. Spätestens jetzt bin ich an dem Punkt angekommen, von Bulgarien komplett begeistert zu sein. Wenn ich daran denke, dass ich vor ein paar Tagen den Flug noch verfallen lassen wollte, weil ich Bulgarien nicht spannend genug für eine 13-tägige Tour fand, könnte ich mich selbst ohrfeigen. Hier stimmt eigentlich alles. Bis auf die drei Ausnahmen (Ludogorets Arena in Razgrad und die beiden Neubauten in Plovdiv) durchweg Gammel-Stadien, uralte Züge, viel Geschichte, enorm niedriges Preisniveau und in diesem Fall allerbestes Wetter. Und vor allem nette, unkomplizierte Leute – auch wenn sie das nach außen hin nicht so zeigen. Dann also mal rein in die gute Stube und sofort fällt auf, dass sowohl die Botev-Kurve als auch der Gästeblock gut gefüllt sind, während im restlichen Stadion kaum etwas los ist. Die Botev-Kurve zeigt zu Beginn des Spiels eine Zettel-Choreo mit durchgestrichenem Levski-Wappen und schiebt noch ein paar Bengalos hinterher. Zu Beginn der zweiten Halbzeit wird eine weitere Choreo gezeigt: Auf einer Blockfahne ist ein römischer Gladiator im römischen Theater von Plovdiv (das steht etwas oberhalb der Stadt, ist absolut sehenswert, schenke ich mir diesmal aber, da ich schon 2x dort war) steht und einem Stier den Kopf abgeschlagen hat. Sehr passend zu meinen eigenen Eindrücken in den vergangenen beiden Tagen in Sofia und Plovdiv, wo ich viele antike Spuren zu sehen bekommen habe. Immer wieder brennt es während des Spiels irgendwo in der Botev-Kurve und Mitte der zweiten Halbzeit gibt es auch noch zwei konzentrierte Pyro-Shows. Optisch wirklich richtig stark, was hier von Botev geboten wird. Akustisch ist es natürlich dieser typische osteuropäische Supportstil (laut, aber nicht melodisch), auf den ich persönlich nicht so stehe, aber unterhaltsam ist es trotzdem. Im komplett mit Netzen zugehängten Gästeblock hat der Levski-Mob diese optischen Möglichkeiten nicht, kann sich aber akustisch immer wieder gut Gehör verschaffen. Als es langsam dunkel wird, lässt man zudem seine Handys mit eingeschalteter Taschenlampe kreisen. Ich bin wirklich hochauf zufrieden mit dem, was ich in den 90 Minuten zu hören und vor allem zu sehen bekommen habe. Etwas verwunderlich ist einzig die niedrige Zuschauerzahl. Nach dem Spiel zieht es mich wieder in die Altstadt, in der nun richtig schönes, sommerliches Flair mit lauter romantisch beleuchteten Außenbereichen der Restaurants herrscht. Es fühlt sich nur halt so gar nicht nach Bulgarien an. Dazu gibt’s für relativ teures Geld nur kleine, etwas lieblose Portionen auf dem Teller und (Skandal!) kein bulgarisches Bier. So wirklich warm werde ich mit dieser neuen Innenstadt von Plovdiv nicht, auch wenn sie objektiv betrachtet sehr schön ist und genau das ist, was der typische Städteurlauber sucht.


















































