GSV Pleidelsheim III – SG 07 Ludwigsburg/SGV Freiberg 0:1

Deutschland, Bezirkspokal Enz/Murr (Quali-Runde)
Sonntag, 27. August 2023, 15 Uhr
Pleidelsheim, Sportgelände Blumenstraße

Nach dem 11-Uhr-Spiel vom neuen VfR Heilbronn wartet heute noch eine weitere Neugründung nördlich von Stuttgart auf mich, nämlich die der Spvgg Ludwigsburg. Auch hinter der liegen sportlich erfolgreiche Zeiten (bis 1997 spielte sie in der damals drittklassigen Regionalliga Süd und traf dort auf Gegner wie den 1.FC Nürnberg, die Spvgg Fürth, Darmstadt 98, die Stuttgarter Kickers und den SSV Ulm), auch sie hatte einst eine Fanszene und mit der Legion Gelbe Adler sogar eine der ältesten Ultrasgruppen Baden-Württembergs. Allerdings trug der Verein aufgrund seiner Regionalliga-Ausflüge in den 70ern und 90ern auch immer viele Schulden mit sich, war 2019 komplett pleite (als Bezirksligist!) und ging im MTV Ludwigsburg auf, der von der Spvgg Ludwigsburg rein gar nichts übrig ließ. Noch im selben Jahr wurde der Verein neu gegründet – unter dem leicht veränderten Namen 07 Ludwigsburg, weil ein identischer Name offenbar nicht erlaubt war. Der nimmt seit 2022 am Spielbetrieb teil. Und weil sich mit den Balljungz auch umgehend wieder eine Ultrasgruppe gründete, rückte die Neugründung stark in mein Blickfeld. Leider hat sich das ganze Projekt in eine sehr seltsame Richtung entwickelt. Ganz anders als beim VfR Heilbronn hat es 07 Ludwigsburg nicht geschafft, ein breiteres Publikum anzusprechen. Die Balljungz stehen meist nur mit vier, fünf Leuten hinter ebenso vielen Zaunfahnen. Auch den Gruppennamen verstehen ich überhaupt nicht. Gerade in Ludwigsburg, das einst Württembergs Hauptstadt war, würde es da viele andere Namen mit lokalem Bezug geben. Noch weniger verstehe ich allerdings die inzwischen entstandene Freundschaft zur SG Barockstadt Fulda-Lehnerz. Denn auch in Fulda wurde 2018 eine Fanszene durch eine Fusion platt gemacht, nämlich die des SC Borussia Fulda, der sich dem Stadtteilverein TSV Lehnerz anschloss, was die Borussia-Szene nicht akzeptierte. Die SG Barockstadt ist also in Fulda genau das, was in Ludwigsburg der verhasste MTV ist. Das ist ein bisschen so als sei Austria Salzburg mit RB Leipzig befreundet. Und es kommt noch dicker: Weil es sportlich bei 07 Ludwigsburg überhaupt nicht rund läuft und man – ganz anders als der neue VfR Heilbronn – keinerlei Aufstiegsambitionen hat, ging man eine Spielgemeinschaft mit dem SGV Freiberg ein, dessen zweite Mannschaft man nun sozusagen ist. Für mich absolut nicht nachvollziehbar, weil doch gerade bei so einer Neugründung aus Idealismus heraus der Vereinsname unantastbar sein sollte – gerade nach erst einem Jahr im Spielbetrieb. Der SGV Freiberg schiebt also nun ein paar Spieler zu 07 Ludwigsburg hinüber, damit die weiter spielfähig ist, aber man stellt sich natürlich sofort die Frage: Welchen Vorteil verspricht sich der SGV Freiberg eigentlich von dieser Kooperation? Sportliche Gründe hat das selbstverständlich nicht, denn der Sport- und Gesangverein ist Regionalligist und da ist es keine Optionen, seine wirklichen Talente bei einem vollkommen erfolglosen Zehntligisten zu parken, um ihnen Spielpraxis zu geben. Tatsächlich scheint es dem meist sehr schillernd auftretenden SGV-Präsidenten Emir Cerkez darum zu gehen, im Gegenzug für die sportliche Hilfe ein bisschen Manpower von 07 Ludwigsburg zu bekommen, der bei Regionalliga-Heimspielen beispielsweise am Wurststand hilft. Denn da die SGV Freiberg sich immer mehr zum Retortenclub entwickelt, brechen halt ehrenamtliche Helfer weg, die sich für den Verein engagieren wollen. Ich bin mal gespannt, ob die Ludwigsburger Ultras wirklich die Grillzange in die Hand nehmen werden oder ob sie nicht doch nur einmal im Jahr im Freiberger Wasenstadion zu sehen sind – nämlich im Gästeblock beim Heimspiel gegen die SG Barockstadt Fulda-Lehnerz. Außerdem hat Emir Cerkez Trouble mit der Stadt Freiberg, der das Wasenstadion gehört und die es nicht für die 3.Liga ausbauen will. Emir Cerkez würde zwar selbst Geld in die Hand nehmen, aber nicht den gesamten Umbau finanzieren. Meine Meinung: Gut, dass die Stadt Freiberg da hart bleibt. Denn ist gibt in Deutschland genug Beispiele von Dorfclubs, die mit solch einem Investor im Rücken einen plötzlichen Höhenflug erleben, dann aber auch einen ebenso plötzlichen Sinkflug, sobald sich der Investor zurückzieht. Und für solch einen Größenwahn sollten keine Steuergelder verschwendet werden. Die SGV Freiburg wird also über kurz oder lang Freiberg verlassen müssen und vielleicht hat man da doch im Hinterkopf, dass das große Ludwig-Jahn-Stadion von 07 Ludwigsburg eine Option sein könnte. Heute steht auf jeden Fall mit der Quali-Runde im Bezirkspokal Enz/Murr das erste Pflichtspiel der neuen SG 07 Ludwigsburg/SGV Freiberg auf dem Programm. Es muss sich ein bisschen wie Europapokal anfühlen, denn in der Liga spielt 07 Ludwigsburg ausschließlich innerhalb von Ludwigsburg und in der direkt angrenzenden Nachbarstadt Kornwestheim. Das Auswärtsspiel beim GSV Pleidelsheim III ist damit das am weitesten entfernte Pflichtspiel seit der Neugründung. Es sind übrigens ziemlich genau 11 Kilometer vom Ludwigsburger Ludwig-Jahn-Stadion bis zum Pleidelsheimer Sportplatz an der Blumenstraße. Die Balljungz sind mit vier Leuten und sechs Zaunfahnen vertreten. Mit im Gepäck haben sie auch einen Anti-WFV-Doppelhalter, der hier der ganz große Stein des Anstoßes wird. Seit zwölf Monaten nimmt 07 Ludwigsburg jetzt am Spielbetrieb teil und liegt dabei stets im Clinch mit dem Württembergischen Fußballverband bzw. seinem Bezirk Enz/Murr. Der betrachtet die Neugründung recht argwöhnisch, was ja auch für das Ludwigsburger Fußballpublikum gilt, das sich so gar nicht mit dem neuen Verein identifizieren kann, und weil die Balljungz ihrerseits auch kein Fingerspitzengefühl zeigen und gerne auf den Putz hauen, wurden schon die ersten Geldstrafen verhängt, die so einen kleinen und jungen Verein empfindlich treffen. Alles ein großes Chaos und meiner Meinung nach kann man schon jetzt sagen, dass das ganze Projekt komplett gescheitert ist. Die Balljungz bleiben aber weiter in der Offensive, unter anderem mit diesem Anti-WFV-Doppelhalter und dazugehörigen Gesängen gegen den WFV. Unter den lediglich 20 Zuschauern auf Heimseite (es ist ja nur die dritte Mannschaft) befindet sich auch eine Funktionärin des hiesigen WFV-Bezirks Enz/Murr, die sich kurzerhand eine Ordnerweste überstreift, auch einem jungen Herren eine solche Weste überwirft und mit ihm im Schlepptau nun für Ordnung sorgen will. Wutentbrannt rennt sie auf die Balljungz zu, während der andere Typ mit Händen in den Hosentaschen locker hinterherschlappt und auf all das gar keinen Bock zu haben scheint. Die Dame will offenbar ernsthaft den Anti-WFV-Doppelhalter einkassieren und die Gesänge gegen den WFV unterbinden, woraufhin ihr die Balljungz – vollkommen gerechtfertigt – nur den Vogel zeigen. Es gibt ein paar Minuten Diskussion, dann dampft die Dame ab. Weil die Balljungz selbstverständlich sofort wieder einen Anti-WFV-Gesang anstimmen, will sie zwar zunächst wieder auf sie zugehen, wird aber von einem Begleiter zurückgehalten. Der schüttelt anschließend nur mit dem Kopf und sagt den anderen Zuschauern, dass die Dame vollkommen übertreibt und die Balljungz doch singen können, was sie wollen, weil wir doch Meinungsfreiheit in Deutschland haben. Recht hat er! Aber die ganze Situation zeigt gut: Rund um 07 Ludwigsburg gibt es einfach nur noch verbrannte Erde. Überraschenderweise gewinnt die 07-SGV-Connection das Pokalspiel knapp gegen den einheimischen Gesang- und Sportverein (ein im restlichen Deutschland vollkommen ungebräuchlicher Vereinsname, den es hier in der Ecke aber mehrfach gibt) und damit geht Europa-Bezirkspokal-Reise in den Weiten des Landkreises Ludwigsburg weiter.