Österreich, Oberösterreichliga (4.Liga)
Freitag, 5.April 2024, 19 Uhr
Linz, Union-Platz
Fußball in Tirol sollte es am Ostermontag werden. Das Patientenzimmer 310 des Salzburger Landeskrankenhauses ist es geworden. Was genau in meinem Hotelzimmer am Salzburger Hauptbahnhof passiert ist, kann ich nicht genau rekonstruieren. Ich bin auf jeden Fall nicht mehr Herr meiner Sinne. Eigentlich hätte ich nur zur Rezeption gehen sollen, die sogar auf der gleichen Etage ist, und einen Krankenwagen rufen lassen. Aber das raffe ich in dem Zustand nicht. Es müssen Stunden sein, die ich an meinem Handy verbringe, um die Nummer des österreichischen Notrufs zu finden. Klingt lächerlich, aber wenn man überhaupt nicht mehr klar denken kann, ist das eine Herkulesaufgabe. Letztendlich findet mich der Notarzt nahezu regungslos im Hotelzimmer liegen und so wirklich setzt meine Erinnerung erst im Salzburger Landeskrankenhaus ein, wo ich mich die ersten zwei Tage nur im Rollstuhl fortbewegen kann. Was mich letztendlich so derart aus den Schuhen gehauen hat, können die Ärzte nicht abschließend klären. Ich habe auf jeden Fall allergisch auf irgendetwas reagiert. Und zwar richtig krass allergisch. Ich hätte nie gedacht, wie schnell so etwas gehen kann. Seit 25 Jahren gondel ich völlig unbesorgt durch die Weltgeschichte und schaue mir Fußballspiele an – nie einen Gedanken daran verschwendend, dass mal gesundheitlich etwas schieflaufen kann. Und zwar so, dass man es nicht mal richtig merkt. Das erdet ungemein. Großes Lob an dieser Stelle an das Salzburger Landeskrankenhaus, in dem ich mich (abgesehen von meinem Gesundheitszustand) pudelwohl fühle. Das Gesundheitswesen in Österreich ist halt doch besser aufgestellt als in Deutschland und man nimmt sich hier mitunter noch richtig viel Zeit für die Patienten. Einen eigenen Fernseher bekomme ich auch sofort ans Bett gestellt, auf dem ich mir das DFB-Pokal-Halbfinale zwischen dem 1.FC Saarbrücken und dem 1.FC Kaiserslautern reinziehen kann, und dass jeden Nachmittag Kaffee und Kuchen am Bett serviert wird, gefällt mir sehr gut. Ein bisschen österreichische Kaffeehaus-Atmosphäre im Krankenhaus. Generell schmeckt das Essen richtig gut und überhaupt nicht wie man es in einem Krankenhaus erwarten würde. Einzig negativ (mit einem Augenzwinkern) ist der Pfleger, der mir alle zwei Stunden eine Infusion legt, großer Fan von RB Salzburg ist und ständig mit mir über Fußball diskutieren will. Aber jemandem, der mir alle zwei Stunden in Nadel in meine Vene haut, halte ich keinen moralischen Vortrag darüber, wie scheiße der moderne Fußball allgemein und wie scheiße RB Salzburg speziell ist. Am Freitagmorgen deutet der Arzt an, dass man mich nun – nach fünf Tagen – eventuell wieder entlassen könnte. Meine Werte seien zwar noch nicht wieder richtig in Ordnung, aber auf eigenes Risiko könnte ich wieder nach Hause fahren. Bescheuert wie ich bin verschwende ich natürlich keinen Gedanken daran, nach Hause zu fahren. Es ist Freitag und ich bin in einem anderen Land – zeig mir die Spielpläne, Baby! Allerdings ist mir vollkommen klar, dass ich es sehr ruhig angehen lassen muss. Keine wilden Vierer, sondern maximal zwei Spiele pro Tag, die man gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen kann. Dazu ein relatives gehobenes Hotel mit Fahrstuhl, denn Treppen steigen ist auf keinen Fall drin. Meine Wahl fällt auf Linz, wo an diesem Abend sogar Oberösterreichliga geboten wird. Abgesehen davon, dass ich noch etwas wackelig auf den Beinen bin, muss ich mich zunächst dem Gaderoben-Problem widmen. Vergangene Woche war quasi noch Winter und ich habe nur warme Klamotten in der Reisetasche, inzwischen ist aber Kurze-Hosen-Wetter. Also in Linz von oben bis unten neu einkleiden – was kostet die Welt? Anschließend geht es zur Sportunion Edelweiß Linz im Stadtteil Neue Welt. Der Vereinsname suggeriert Alpen, Almen und Kuhglocken, stattdessen ist Neue Welt eine Arbeitersiedlung aus den 1930er-Jahren. Man darf nicht vergessen: Linz war Hitlers Lieblingsstadt in Österreich, er wurde im nicht weit entfernten Braunau geboren. Die NSDAP hatte Großes vor mit Linz, wollte die Stadt ähnlich wie Berlin komplett umbauen – und manches konnte sie in der kurzen Zeit auch umsetzen. Maßgeblich betrifft das die Hermann-Göring-Werke, bei denen bereits 1938 (also kurz nach dem Anschluss von Österreich an Hitler-Deutschland) der Spatenstich erfolgte. 1941 wurden sie erstmals angeblasen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie zur VÖEST (Vereinigte österreichische Eisen- und Stahlwerke), die mit dem SK VÖEST Linz (österreichischer Meister 1974) einen eigenen Fußballverein hatten, der schließlich gewissermaßen zum FC Blau-Weiß Linz wurde – den ich morgen besuchen werde. Für die gigantischen Hermann-Göring-Werke wurde viel Wohnraum benötigt und der entstand unter anderem hier im Stadtteil Neue Welt. Ein bisschen Alpen-Flair strahlt die Sportunion Edelweiß Linz dann aber doch aus, denn ihr Vereinsheim wurde im Stil einer Almhütte gebaut – mit tollem Catering-Angebot, aber für mich gibt’s heute nur Cola und Leberkäs. Ansonsten steht hier eine überdachte Tribüne, also voll in Ordnung. Das typische österreichische Flair, das man sonst von den Dorfvereinen kennt, fehlt natürlich ein bisschen. Es ist halt ein Stadtverein, gefällt mir aber trotzdem gut. Zumindest für einen kleinen Spaziergang durch die Linzer Altstadt kann ich mich nach Spielende noch motivieren, aber nach einem kurzen Würstlstand-Besuch direkt vor meinem Hotel ist dann wirklich Feierabend. Kräfte schonen! Ich lag heute Vormittag schließlich noch im Krankenhaus.









































