FC Blau-Weiß Linz – Wolfsberger AC 0:0

Österreich, Bundesliga (1.Liga)
Samstag, 6. April 2024, 19.30 Uhr
Linz, Donauparkstadion

Es ist mir fast ein bisschen peinlich zu sagen, aber ich war noch nie im Linzer Donauparkstadion. Peinlich deshalb, weil ich ja Fan der Stuttgarter Kickers bin und die schon seit vielen Jahren eine Fanfreundschaft zum FC Blau-Weiß Linz haben. Allerdings war ich zu einer Zeit bei den Kickers aktiv, in der es zwei internationale Freundschaften gab – zum FC Blau-Weiß Linz und zum FC Zürich. Die trinkfreudige Fraktion war eher in Linz unterwegs, während es die Kickers-Ultras, die eher an italienischer Stimmung, Choreos und auch Action interessiert waren, nach Zürich zog. Ich war ganz klar Team Zürich und hatte in jener Zeit über 40 FCZ-Spiele gesehen (inklusive Pokalfinale 2005 und der „Schande von Basel“ 2006, als der FCZ zum ersten Mal seit 1981 wieder Meister wurde), während ich lediglich auf 5 Spiele beim FC Blau-Weiß Linz kam – und darunter kein Heimspiel. Getan hat sich seitdem viel, denn das alte Donauparkstadion wurde 2021 abgerissen. Inzwischen steht an gleicher Stelle ein komplett neues Stadion. Wechselvoll ist auch die Geschichte des Vereins und die ist definitiv einen genauen Blick wert. Wie hier bereits angesprochen war Linz die österreichische Lieblingsstadt von Adolf Hitler, der im nicht weit entfernten Braunau geboren wurde und der ganz große Pläne für Linz hatte. Linz sollte eine der fünf sogenannten Führer-Städte von Großdeutschland werden. Vieles davon blieb Utopie, ein paar Projekte konnte die NSDAP aber umsetzen. Maßgeblich waren dies die riesigen Hermann-Göring-Werke, die kurz nach dem Anschluss von Österreich an Hitler-Deutschland 1938 begonnen und 1941 fertiggestellt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde aus ihnen die VÖEST (Vereinigte österreichische Eisen- und Stahlwerke), die mit dem SK VÖEST Linz einen eigenen Werksportverein hatte. Im Gegensatz zum Linzer ASK war der SKV der Arbeiterverein von Linz. Er wurde 1974 österreichischer Meister. Im Europapokal der Landesmeister schieden die „Vöestler“ in der nachfolgenden Saison bereits in der ersten Runde gegen den FC Barcelona aus – trotz 0:0 im Hinspiel. Immer wieder gab es Stimmen in Linz, die eine Fusion von LASK und SKV forderten, um „endlich“ einen starken Linzer Großverein zu haben. 1997 wurde diese Fusion vollzogen. Die VÖEST war bereits 1991 aus seinem ehemaligen Werksverein ausgestiegen und so hieß der fortan nur noch FC Linz. Um beide Vereinsnamen nach der Fusion zu berücksichtigen, nannte sich das neue Konstrukt FC LASK Linz. Heute gibt’s ja immer wieder Leute, die sagen, dass der Name „LASK Linz“ doppelt-gemoppelt sei, tatsächlich ist er das aber nicht, weil er eben die Namen beider Vorgängervereine abbildet – auch wenn er korrekt geschrieben eigentlich „FC/LASK Linz“ heißen müsste. Während die LASK-Fanszene bei der Fusion 1997 komplett unkritisch war und den neuen Verein sofort annahm (shame on you!), kehrte ihm die SKV-Szene umgehend den Rücken. Noch im selben Jahr wurde daher aus dem SKV-Umkreis heraus ein neuer Verein gegründet – der FC Blau-Weiß Linz. Ein Fanverein, der erste seiner Art in Österreich, auch wenn inzwischen der SV Austria Salzburg als solcher wahrgenommen wird. Tatsächlich war der FC Blau-Weiß Linz schon acht Jahre früher dran. Mit ins Boot geholt wurde damals der SV Austria Tabak Linz, der der Werksverein der 1935 eröffneten Linzer Tabakfabrik war und seinen Spielbetrieb eingestellt hatte. Zwei Arbeitervereine mit ähnlichem Charakter. Die große Tabakfabrik steht bis heute am Donauufer und hatte ebenfalls seit 1935 mit dem sogenannten Tschikbudenplatz (Tschik ist in Österreich die umgangssprachliche Bezeichnung für eine Zigarette) schräg gegenüber einen eigenen Sportplatz, den der neue FC Blau-Weiß Linz übernahm und in Donauparkstadion umbenannte. Empfohlen sei an dieser Stelle die Ballade „Tschikbude“ von Blonder Engel, in der auch der SV Austria Tabak vorkommt. In dem Video (hier zu sehen) sieht man viel von der Tabakfabrik. Während der FC LASK Linz weiterhin in den oberen Ligen spielte, musste der FC Blau-Weiß Linz in der 4.Liga neu starten. Es dauerte bis 2011, ehe er in die 2.Liga aufstieg, nach zwei Jahren aber wieder abstieg. 2016 erfolgte die Rückkehr in die 2.Liga und vergangenes Jahr endlich der Aufstieg in die Bundesliga. 2011 kam es dann auch zum ersten Mal zum Derby gegen den FC LASK Linz, wobei der FC Blau-Weiß Linz da gewissermaßen zur Hälfte gegen sich selber spielt. Die sportliche Nummer 1 bleib über all die Jahre aber der FC LASK Linz, der zwischendurch auch noch eine Liaison mit dem Kommerz-Club aus Pasching einging und immer mal wieder auch im Europapokal vertreten war, was natürlich deutliche Spuren an den Zuschauerzahlen hinterlassen hat. Der FC LASK Linz ist dadurch heute der klar größere Verein in Linz und beispielweise bei den Aufklebern deutlich stärker im Stadtbild vertreten – und zwar ganz deutlich. Dennoch: Ich mag das ein bisschen durch die Kickers-Brille sehen, aber die LASK-Szene kann ich einfach nicht ernst nehmen, weil sie zuerst die Fusion mit dem Erzrivalen überhaupt nicht kritisch gesehen hat und ihr dann auch das Techtelmechtel mit Pasching zu egal war. Das ist für mich fast schon Red-Bull-Niveau. Sportlicher Erfolg über allem. Heute bin ich dann zum ersten Mal im direkt am Donauufer gelegenen Donaupark zu Gast, wenngleich das ein alles andere als attraktives Spiel ist. Der ÖFB hat sich in der Bundesliga einen neuen Spaß in Form einer Post-Season einfallen lassen. Die Teams aus der oberen Tabellenhälfte spielen Meister und Europapokalplätze aus, die Teams aus der unteren Tabellenhälfte müssen in eine Abstiegsrunde. Der FC Blau-Weiß Linz landet natürlich in der Abstiegsrunde, die LASK-Schnösel dürfen oben mitspielen. Um noch für ein bisschen Motivation zu sorgen, bekommen die beiden besten Mannschaften dieser Abstiegsrunde Plätze in der Europa-League-Quali, aber davon ist Blau-Weiß Linz natürlich weit entfernt. Austria Wien und der heute hier gastierende Wolfsberger AC sind da ganz dick im Geschäft dabei. Also hinein ins Vergnügen. Ich muss ehrlich sagen: Mein Ding ist der neue Donaupark nicht. Viel zu modern, sieht von außen eher aus wie ein Einkaufszentrum. Andererseits: Erwartet man bei einem kompletten Neubau für den Profifußball wirklich etwas anderes? Gut motiviert ist heute ist heute der Heimblock, obwohl es realistisch betrachtet um nichts mehr geht. Weder mit dem Abstieg noch mit den Europa-League-Plätzen hat „der V“, wie er sich nach wie vor nennt, etwas zu tun. Der Support der Heimkurve macht Spaß, in den Liedern kommt immer noch die VÖEST vor und ehrlich gesagt gefällt es mir natürlich, dass dort einige Leute Klamotten von den Stuttgarter Kickers tragen. Wenig los ist im Gästeblock, in dem lediglich elf Leute stehen und einfach nur das Spiel anschauen. Viel Spaß im Europapokal! Schön dagegen: Im Donauparkstadion kommt Bier der Marke Linzer Bier aus dem Hahn. Die Brauerei ist 2022 in das Areal der Tabakfabrik gezogen. Man bekommt hier also Bier von der anderen Straßenseite, was gerade mit Blick auf die Historie des Tschikbudenplatzes und des Vorgängervereins SV Austria Tabak richtig tiefgründig ist. Für mich gibt es heute aber kein Bier und nach Abpfiff auch keinerlei Eskapaden, sondern nur noch eine Bosna und einen Almdudler am Würstlstand – und dann sofort ab ins Bett.