Belgien, U17 Iris Elite Brabant Wallon/Bruxelles
Sonntag, 11. Dezember 2022, 11 Uhr
Molenbeek-Saint-Jean, Stade du Sippelberg – terrain 3
Seit Ende der 90er bin ich in Sachen Groundhopping unterwegs, aber es gibt tatsächlich eine europäische Hauptstadt, in der ich noch nie war: Brüssel. Irgendwie hat es mich noch nie dorthin verschlagen, selbst jetzt nicht nach meinem Umzug nach Bielefeld, von wo aus Belgien ja deutlich näher liegt als von Stuttgart aus. An diesem Sonntag aber erlebe ich dann aber doch meine ganz persönliche Brüssel-Premiere. Grund dafür ist, dass die süddeutsche Hopper-Truppe um Mäddes, Przemyslaw und Freezy an diesem Wochenende auf Belgien-Tour ist. Ihr Programm für den gestrigen Samstag hätte für mich keine neuen Grounds im Angebot gehabt, aber der heutige Sonntag ist dagegen höchst attraktiv für mich. Und damit heißt es: Treffpunkt in Brüssel. Genauer gesagt in Molenbeek, denn was man in Deutschland so ganz vereinfacht Brüssel nennt, ist in Wahrheit die Région de Bruxelles-Capitale bzw. Brussels Hoofdstedelijk Gewest, die neben Flandern und Wallonien eine der drei Regionen Belgiens bildet und rund 1,2 Millionen Einwohner hat. Die Hauptstadt-Region besteht aus insgesamt 19 Gemeinden. Brüssel ist eine dieser 19 Gemeinden, mit knapp 200.000 Einwohnern allerdings die größte. Eine weitere ist Molenbeek-Saint-Jean bzw. Sint-Jans-Molenbeek, denn die Hauptstadt-Region ist als Bindeglied des französisch- und des flämischsprachigen Teils Belgiens betont zweisprachig. Waren Brüssel und sein Umland noch bis ins 19. Jahrhundert hinein überwiegend flämischsprachig, trifft das heute nur noch auf weniger als 20 Prozent der Einwohner zu. Über die Hälfte ist französischsprachig und ein nicht unbedeutender Teil nutzt Englisch als Alltagssprache, was in der EU-Hauptstadt mit ihren vielen Beamten und Bediensteten aus ganz Europa kein Wunder ist. Es gibt sogar Überlegungen, Englisch in der Hauptstadt-Region als dritte Amtssprache anzuerkennen. Doch schon allein die offizielle Zweisprachigkeit mit Französisch und Flämisch, die sich in einer durchweg zweisprachigen Beschilderung in allen Bereich widerspiegelt, wirkt schon sehr gekünstelt, weil man auf der Straße wirklich nur Französisch hört. Aber man bekommt ja auch in Deutschland mit, dass sich französisch- und flämischsprachige Belgier nicht ganz grün sind und man viel Energie und Sensibilität dafür aufwendet, die Balance zwischen beiden Sprachgruppen zu halten. Da ist eine durchweg zweisprachige Hauptstadt Pflicht, auch wenn das mit den realen Gegebenheiten nicht viel zu tun hat. Die Region Flandern belässt sogar ganz bewusst ihren Verwaltungssitz in Brüssel, um dort weiterhin einen Fuß in der Tür zu haben. Brüssel ist damit Hauptstadt von zwei der drei belgischen Regionen – von Flandern und von der Hauptstadt-Region. Die Hauptstadt Walloniens ist übrigens Namur. Auch Molenbeek-Saint-Jean (100.000 Einwohner) – eine weitere der 19 Gemeinden der Hauptstadt-Region – ist mehrheitlich französischsprachig, aber auch hier merkt man am Klang, dass Molenbeek ursprünglich flämischsprachig war. De facto ist Molenbeek heute wahrscheinlich mehrheitlich arabischsprachig, denn hier leben überdurchschnittlich viele Einwanderer aus Nordafrika. Molenbeek hat einen unglaublich schlechten Ruf und gilt als eines Islamisten-Zentren Europas. Bei sämtlichen Anschlägen der vergangenen Jahre führte die Spur nach Molenbeek, darunter die Anschläge von Casablanca 2001, auf die Züge in Madrid 2004, auf das jüdische Museum in Brüssel 2014, auf „Charlie Hebdo“ in Paris 2015, auf den Thalys-Zug von Amsterdam nach Paris 2015 und auf den Brüsseler Flughafen 2016. Auch am Vorabend soll es in Molenbeek wieder richtig rund gegangen sein, als bei der Fußball-WM Marokko gegen Portugal gespielt hat. Spuren davon sind heute Morgen noch deutlich auf den Straßen zu erkennen. Bei meiner Brüssel-Premiere werfe ich als ÖPNV-Freund natürlich auch einen genauen Blick auf den dortigen Nahverkehr. Erfreulicherweise haben die drei belgischen Regionen jeweils ein eigenes staatliches Nahverkehrsunternehmen, das für die gesamte Region zuständig ist, was die Tarife sehr übersichtlich macht. In Flandern ist das De Lijn, in Wallonien die TEC und in der Hauptstadt-Region die STIB bzw. MIVB (natürlich auch hier zweisprachig). Ein Ticket ist damit in allen 19 Gemeinden der Hauptstadt-Region gültig und wenig überraschend gibt es ein gemeinsames Metro-, Straßenbahn- und Bus-Netz. Wagen und Stationen der Metro haben noch einen so einen wunderbaren 70er/80er-Jahre-Touch – dunkle Löcher und alles ein bisschen veraltet. Herrlich! An allen Bahnsteigen ist ein Plan mit allen Haltestellen zu sehen, auf dem mittels aufleuchtendem Licht gezeigt wird, wo sich die Züge gerade befinden. Damit weiß man genau, wie lange man noch warten muss und ob es irgendwo zu Verzögerungen kommt. Informativ, aber in der Darstellung halt auch total altbacken. So mag ich das! Mich spuckt die Metro an der Station Osseghem aus, von der aus es ein Katzensprung zum Stade du Sippelberg bzw. Sippenbergstadion ist. Der Komplex besteht aus drei Plätzen, die alle mit einer Tribüne ausgestattet sind, so dass es mir herzlich egal ist, auf welchem die U17 der Académie Jeunesse Molenbeek gegen den FC Forest bzw. FC Vorst (beide Schreibweisen sind im Vereinswappen abgebildet) antritt. Es wird der Platz 3, dessen Tribüne mit bunten Sitzschalen ausgestattet sind. Ebenso überzeugt der Blick auf die angrenzenden Hochhäuser. Dass auf dem Gelände sämtliche Fensterscheiben eingeschlagen und ausnahmslos alle Toiletten kaputt sind, führt mir deutlich vor Augen, dass ich hier in Molenbeek bin. Ein unglaublicher Vandalismus! Nach dem Spiel geht’s zu Fuß weiter zum Stade Edmond Machtens von Zweitligist RWD Molenbeek, wo es dann auch zum Treffen mit der süddeutschen Bande kommt.