RSC Anderlecht II – Lommel SK 1:1

Belgien, Division 1B (2.Liga)
Samstag, 4. November 2023, 16 Uhr
Bruxelles/Brussel, Stade Heysel/Heizelstadion

Nicht nur das Ruhrgebiet und das Osnabrücker Land sind während meiner Zeit in Bielefeld ein bevorzugtes Einsatzgebiet von mir, sondern auch Belgien. Und so war ich im Dezember 2022 tatsächlich das allererste Mal in meinem Leben in Brüssel. Von Baden-Württemberg ist die europäische Hauptstadt halt einfach nicht so easy zu erreichen und da man schneller in zum Beispiel Italien ist, zog es mich bisweilen höchst selten nach Belgien und schon gar nicht nach Brüssel. Das ändert sich nun aus meiner NRW-Perspektive aber völlig und so steht auch an diesem Wochenende wieder ein Zug-Trip in das Reich der Fritten an. Grundsätzlich mag ich Belgien sehr. Die dortige Stadion-Landschaft ist absolut wunderbar und trägt den Beinamen „Tschechien des Westens“. Und auch die Dreisprachigkeit finde ich sehr faszinierend, was gerade für Brüssel im Besonderen gilt. Ich muss ja nicht bei jedem Belgien-Trip bei Adam und Eva anfangen, daher nur die Kurzversion: Das Land ist in drei Teile gegliedert – das französischsprachige Wallonien, zu dem auch der deutschsprachige Teil Belgiens gehört, Flandern mit seiner eigenen, dem Niederländischen sehr ähnlichen Sprache und die Hauptstadtregion, der Brüssel plus 18 weitere Gemeinden angehören. Rund 1,2 Millionen leben in der Hauptstadtregion, die in Deutschland meist einfach nur pauschal als Brüssel bezeichnet wird. Tatsächlich macht Brüssel nur einen vergleichsweise kleinen Teil der Hauptstadtregion aus, allerdings sind die 19 Gemeinden so sehr zusammengewachsen, das man die Grenzen gar nicht mehr erkennen kann. Auch haben sie ein gemeinsames ÖPNV-System. Ursprünglich war die Hauptstadtregion mehrheitlich flämischsprachig, im 19. Jahrhundert begann jedoch eine Frankosierung und so sprechen heute etwa 80 Prozent Französisch als Hauptsprache. Dennoch erfüllt man als Hauptstadtregion eine Vorbildfunktion für das übrige Belgien und gilt als Bindeglied zwischen Wallonien und Flandern, weshalb alles betont zweisprachig ist, mag es noch so schrullig wirken – und genau das gefällt mir an Brüssel. Übrigens ist durch die EU und ihren wachsenden Behörden-Apparat mit dem Zuzug von Beamten aus ganz Europa die englische Sprache immer weiter auf dem Vormarsch, so dass überlegt wird, sie zur dritten Amtssprache der Hauptstadtregion zu machen. Für mich geht es zunächst einmal günstig mit dem Regionalzug nach Aachen und da untypischerweise alles wie am Schnürchen läuft, kann ich den vorhandenen Zeitpuffer nutzen, um noch mal kurz in die Altstadt zu schlappen und eine belgische Waffel zu essen. Belgien fängt ja irgendwie schon in Aachen an, zumindest kulinarisch. Mit dem Europa-Sparpreis bringt mich der ICE dann zum Nordbahnhof von Brüssel und von dort die Metro zum mit Abstand größten Stadion Belgiens, dem berühmt-berüchtigten Heyselstadion im gleichnamigen Stadtteil. Unmittelbar mit ihm verbunden ist die Heysel-Katastrophe, als es am 29. Mai 1985 beim Europapokal-Endspiel zwischen Liverpool und Juventus Turin zu einer Massenpanik kam, durch die 39 Menschen starben. Eröffnet wurde das belgische Nationalstadion bereits 1930 und seitdem hat es durch Umbauten mehrfach sein Gesicht geändert. Mit dem Heyselstadion von 1985 hat die heutige Version nichts mehr zu tun und offiziell trägt es inzwischen auch einen anderen Namen, nämlich den des belgischen Königs Baudouin. Der regierte von 1951 von 1993, womit auch die Unabhängigkeit der belgischen Kolonie Kongo im Jahr 1960 in seine Regentschaft fiel. Dabei spielte er keine unumstrittene Rolle. Zum einen ließ er sich einen Tag vor der Unabhängigkeit in der kongolesischen Hauptstadt Leopoldville (heute Kinshasa) aus seinem fahrenden Cabrio heraus seinen Paradedegen von einem Einheimischen klauen, was zufällig fotografiert wurde und somit für ganz Afrika zu einem Symbol der Unabhängigkeitsbewegung wurde. Zum anderen soll Belgien und damit auch König Baudouin bei der Ermordung des ersten kongolesischen Ministerpräsidenten Patrice Lumumba die Finger im Spiel gehabt haben. Nach ihm das Nationalstadion zu benennen halte ich mindestens für gewagt. Da ich bis zum Anpfiff noch etwas Zeit habe, bietet sich die Gelegenheit, rund ums Heyselstadion weiter in die belgische Geschichte einzutauchen, denn zwei berühmte Bauwerke befinden sich in unmittelbarer Nähe. Das ist vor allem das Atomium, das das Wahrzeichen von Brüssel und wahrscheinlich auch von ganz Belgien ist. Ähnlich wie der Eiffelturm in Paris wurde es als Eingangstor für eine Weltausstellung gebaut, in dem Fall die von 1958. Ein Symbol für die Atomenergie, die damals noch durchweg positiv besetzt war und der man mit dem Atomium ein Denkmal gebaut hat. Auf der anderen Seite des Heyselstadions befindet sich das Gelände der Weltausstellung von 1935 mit ihrem wuchtigen Grand Palais. Makaber: Zusammen mit der Weltausstellung wurde auch der 50. Jahrestag der belgischen Kolonialisierung des Kongo gefeiert. Das Thema begegnet einem hier in Heysel also irgendwie immer wieder. Kommen wir zu positiven Dingen, auch wenn die im Ursprung gar nicht so positiv sind, denn in Belgien dürfen zweite Mannschaften bis in die 2.Liga aufsteigen und müssen dafür ziemlich verrückte Stadion-Auflagen erfüllen, auch wenn sie praktisch keine Zuschauer haben. Und somit finden aktuell die Heimspiele der zweiten Mannschaft des RSC Anderlecht tatsächlich im Heyselstadion statt. Völlig aberwitzig und überdimensioniert, aber als Hopper kann man sich darüber nicht beschweren. Die Ränge sind wie erwartet menschenleer und selbst im Gästeblock stehen keine 30 Leute, die während des Spiels vielleicht zwei- oder dreimal einen Schlachtruf skandieren, ansonsten aber überhaupt nicht auffallen. Allerdings herrscht zumindest auf der Haupttribüne völlige Bewegungsfreiheit, womit man das Stadion in aller Ruhe erkunden kann. Ebenso ist der Bierstand in Betrieb, also warum beschweren?