TSV Lustnau – SV Unterjesingen 6:0

Deutschland, Kreisliga A Alb – Staffel 3 (9.Liga)
Donnerstag, 7. September 2023, 19 Uhr
Tübingen, Sportplatz Lustnau – Platz 2

Eine schöne Frage für „Wer wird Millionär?“ wäre eigentlich mal: „Welche dieser Städte war einmal die Landeshauptstadt eines Bundeslandes der Bundesrepublik Deutschland? A: Karlsruhe, B: Tübingen, C: Frankfurt, D: Nürnberg“. Die Antwort lautet B, denn Tübingen war von 1947 bis 1952 Landeshauptstadt des Bundeslandes Württemberg-Hohenzollern. Diese aus heutiger Sicht etwas kurios wirkende Aufteilung von Baden-Württemberg nach dem Zweiten Weltkrieg in drei verschiedene Bundesländer hat immer noch Auswirkungen auf den Fußball in Ländle und ist verantwortlich dafür, warum wir drei verschiedene Landesfußballverbände haben. Ursprünglich waren es sogar vier, denn genau wie Baden bis heute einen eigenen Süd- und einen Nord-Verband hat, hatte es bis 1951 auch Württemberg. Hintergrund ist die Aufteilung von Deutschland in Besatzungszonen nach dem Zweiten Weltkrieg, denn während die USA den Norden des heutigen Baden-Württemberg inklusive der so wichtigen Autobahn A8 bekamen, mussten sich die Franzosen mit dem Süden begnügen. Die USA vereinigten Nordbaden und Nordwürttemberg zum gemeinsamen Bundesland Württemberg-Baden mit der Landeshauptstadt Stuttgart, während die Franzosen beide Landesteile getrennt ließen und mit Baden (Landeshauptstadt: Freiburg) und Württemberg-Hohenzollern (Landeshauptstadt: Tübingen) zwei verschiedene Bundesländer gründen ließen. Sowohl in den beiden badischen Teilen als auch den beiden württembergischen gründeten sich eigene Landesfußballverbände, deren Vereine daher in der Nachkriegszeit in verschiedene Oberligen eingruppiert wurden. Die ohnehin stärkeren Vereine aus Württemberg-Baden mit den Verbänden (Nord-) Baden und Nordwürttemberg kamen in die Oberliga Süd, während die Verbände Südbaden und Südwürttemberg-Hohenzollern mit Mannschaften wie dem FC Singen, der Spvgg Lahr, dem VfB Friedrichshafen und dem FC Rastatt in die Oberliga Südwest kamen. Immerhin hatte man genug Weitsicht, dass sich diese nicht ernsthaft mit dem 1.FC Kaiserlautern, Wormatia Worms, dem FK Pirmasens oder dem 1.FSV Mainz 05 messen können, so dass man eine Nord-Staffel für die Vereine aus der französischen Zone von Rheinland-Pfalz und eine Süd-Staffel für Südwürttemberg-Hohenzollern und Südbaden schuf. Übrigens hatte Baden-Württemberg aus diesem Grund bis 1998 auch zwei unterschiedliche öffentliche Rundfunkanstalten – den Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart für das ehemalige Württemberg-Baden und den Südwestfunk mit Sitz in Baden-Baden (wo einst die französische Militärkommandantur saß) für die ehemaligen Länder Württemberg-Hohenzollern und Baden sowie Rheinland-Pfalz. Ehe die sich dann 1998 zum SWR zusammenschlossen, berichteten SDR und SWF getrennt voneinander über die Landespolitik und andere Ereignisse in Baden-Württemberg. Dieses Privileg hatten Fernsehzuschauer und Radiozuhörer in keinem anderen Bundesland. Im württembergischen Fußball bereitete man diesem Spuk schon 1951 ein Ende, als sich der Fußballverband Nordwürttemberg und der Fußballverband Südwürttemberg-Hohenzollern zum Württembergischen Fußballverband zusammenschlossen. Seitdem spielten auch alle Vereine des ein Jahr später gegründeten Gesamtbundeslandes Baden-Württemberg zusammen in der Oberliga Süd mit. In Baden hält man dagegen bis heute an der Doppelstruktur mit zwei Landesverbänden fest. So viel also mal zur Historie und den Gedanken, die mir jedes Mal durch den Kopf schießen, wenn ich am Tübinger Hauptbahnhof aus dem Zug steige. Klar, es waren nur fünf Jahre, in denen Tübingen eine bundesdeutsche Landeshauptstadt war, aber schon beim Gang durch den schnuckeligen Hauptbahnhof bilde ich mir jedes Mal ein, noch ein bisschen altes Hauptstadt-Flair aufzusaugen. Passenderweise besuche ich heute Abend mit dem TSV Lustnau den letzten mir noch fehlenden innerstädtischen Tübinger Verein. Anders als der SV Tübingen, die TSG Tübingen und der SSV Tübingen trägt der zwar nicht den Namen der Gesamtstadt und repräsentiert nur einen Stadtteil, allerdings ist Lustnau – anders als die eingemeindeten Dörfer rund um Tübingen – mit der Innenstadt zusammengewachsen. Man merkt bei der Busfahrt vom Hauptbahnhof zum Lustnauer Sportplatz also gar nicht, dass man die eigentliche Kernstadt verlassen hat. Seine Heimspiele trägt der TSV Lustnau nur noch auf dem Kunstrasen-Nebenplatz aus, auf dem man inzwischen eine Tribüne errichtet hat. Mit dem SV Unterjesingen ist heute ein weiterer Tübinger Verein zu Gast, den die Hausherren bei ihrem 6:0-Sieg aber gut im Griff haben.